15. November 2021 | Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson und Christine Koop

William Stern und die (Be-)Gründung der Schulpsychologie

Ziemlich genau ein Jahrhundert ist es mittlerweile her, seit mit Hans Lämmermann in Mannheim der erste Schulpsychologe dieses Amt offiziell antrat. Aber wer hat die Disziplin eigentlich erfunden, und mit welchem Ziel? Als Leser und Leserinnen dieses Blogs haben Sie möglicherweise schon eine Ahnung …!

Woher kam die Idee für eine Schulpsychologie?

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert war Hygiene insbesondere in den Städten zu einem wichtigen Thema geworden. Wo Menschen zusammenkommen, vermehren sich auch Krankheitserreger; das wissen wir nicht erst seit Corona. In diesem Kontext ist die Idee des "Schularztes" zu verorten, einer Profession, die Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Ziel der flächendeckenden Gesundheitspflege institutionalisiert worden war. Dieser sollte in den Schulen die Schulreife der Kinder feststellen, ihren Gesundheitszustand regelmäßig überprüfen und bei sich abzeichnenden gesundheitlichen Problemen eingreifen.

Wo für den Körper gesorgt wird, ist es nur sinnvoll, auch jemanden zu haben, der sich um die Psyche kümmert, sprich: einen Psychologen (oder eine Psychologin, aber die waren seinerzeit noch selten). Das Arbeitsgebiet der Psychologie ging jedoch schon damals weit über den klinischen Anwendungskontext hinaus. Insbesondere das Teilgebiet der psychologischen Diagnostik, der "Messbarmachung" psychischer Eigenschaften, erwies sich als äußerst fruchtbar für die Praxis. Und: Als Sprössling der "two cultures" (genauer: der geisteswissenschaftlichen Philosophie und der naturwissenschaftlichen experimentellen Wahrnehmungsforschung), traf die noch junge, aber umso tatkräftigere Psychologie in der Weimarer Republik auf ideale Rahmenbedingungen, um ihre Relevanz für die Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen unter Beweis zu stellen. Einer ihrer herausragenden Protagonisten: William Stern.

Wie die Schulpsychologie einer sozial gerechteren Begabungsförderung den Weg bereiten sollte

Artikel 146 der Weimarer Reichsverfassung sollte den Weg bereiten für eine gerechtere, von der sozialen Herkunft unabhängigeren schulischen Bildung. Er legte fest, dass "für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule […] seine Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern maßgebend" seien. Aber wie sollten Lehrkräfte diese Einschätzung unabhängig von Leistung und sozioökonomischen Status treffen können, wenn niemand sie darauf vorbereitete? Um dieser anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden, brauchte es Fachkräfte, die sich mit der "Schülerauslese" auskennen.

In den Grundzügen hatte Stern dies schon 1912 erkannt, als er auf dem Kongress des Bundes für Schulreform als Erster vorschlug, analog zum Schularzt einen "Schulpsychologen" ins Leben zu rufen, der gründliche wissenschaftliche Vorbildung und solide Praxiskenntnisse auf sich vereinen sollte. Nicht als Außenseiter, der "an seinem grünen Tisch […] oder in seiner experimentellen Hexenküche des Laboratoriums" fernab vom "wirkliche[n] Leben der Schule"[1] allerhand Weltfremdes ersinnt, sondern als jemand, der "die Schule, ihr Leben und ihre Anforderungen aus praktischer Erfahrung kennt"[2] und der in der Schule die Aufgaben übernimmt, bei denen die psychologischen Fachkenntnisse der Lehrkräfte an ihre Grenzen stoßen.

Stern unterschied hierbei zwei Formen: Zum einen den behördlichen Schulpsychologen, der bei der Schulbehörde angestellt ist und diese berät, etwa in Fragen der Lehrplanentwicklung und der Aufgaben wie die Schülerauslese überwacht und wissenschaftlich überprüft. Zum anderen die Lehrkraft, die, psychologisch besser geschult als der Rest des Kollegiums, schulintern als Anlaufstelle für alle psychologischen Fragen des Schulalltags fungiert (und dafür auch eine Entlastung erhalten soll!). Dass außerdem die psychologische Ausbildung des Lehrkörpers insgesamt deutlich ausgebaut werden müsse, stand für Stern außer Frage; und mit seinem Hamburger Institut leistete er hier ganze Arbeit.

Sterns Vision einer guten schulpsychologischen Arbeit

Das disziplinäre Miteinander, oder, wie wir heute sagen, "multiprofessionelle Teams" waren für Stern essentiell, um Begabungen zu identifizieren. Schulpsychologen seien mithin eine Berufsgruppe unter mehreren, die bei dieser anspruchsvollen Aufgabe gemeinsam am selben Strang ziehen: "[D]ie psychologischen Methoden der Begabungsprüfung [sollen] nicht als Fremdkörper neben den rein pädagogischen Maßnahmen stehen, sondern möglichst organisch eingebaut werden in die Gesamtauslese"[3].

Auch wenn für Stern objektive experimentelle Methoden wie standardisierte Tests unabdingbar waren, um Begabungen zu finden: Wichtig war ihm, dass sich Begabungsidentifikation nicht in einer "geistigen Schnellphotographie"[4] (oder, wie man heute sagen würde, einem "Screening") erschöpft, die das verbreitete Vorurteil gegen psychologische Tests bestätigt, indem sie das Kind auf eine bloße Zahl reduziert. Das sei Handwerk; die tatsächliche Diagnostik, "die Urteilsbildung über die Psyche und die geistige Beschaffenheit der Schüler" hingegen eine Kunst.

Wie uns Sterns Grundideen auch heute noch nutzen können

Heute finden sich Sterns Ideen für die Einbindung psychologischer Kompetenzen in vielfältiger Weise in den schulischen Unterstützungsstrukturen wieder: In der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften ebenso wie in verschiedenen Formen der Beratung (z. B. Schulpsychologie, Beratungslehrkräfte). Und gerade mit Blick auf die nach wie vor aktuelle Herausforderung einer von der sozialen Herkunft unabhängigeren Begabungs- und Begabtenförderung ist eine enge Kooperation der beiden Disziplinen wünschenswert.

Damals wie heute gilt: Den Stein der Weisen kann wohl keine Disziplin für sich allein beanspruchen. Aber die Psychologie hat einiges zu bieten – auch und gerade für die schulische Anwendung. Umgekehrt muss sie auch anerkennen, welche Kompetenzen Lehrkräfte mitbringen, wenn es um die Unterstützung der individuellen Entwicklung geht. Wenn es gelingt, disziplinäre Eitelkeiten in Schach zu halten und wertzuschätzen, was die anderen zur Identifikation und Förderung von Begabungen beitragen können, nützt das vor allem denen, um die es eigentlich geht: den begabten Kindern und Jugendlichen.

 

Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Derzeit vertritt sie die Professur für Entwicklungs- und Allgemeine Psychologie an der Universität Luxemburg. Mehr lesen

Literatur

[1] Stern, W. (1925a). Ausbildung von Schulpsychologen. Pädagogisches Zentralblatt, 5(6), S. 288

[2] Stern, W. (1930). Schulpsychologe. In L. Clostermann, T. Heller & P. Stephani (Hrsg.), Enzyklopädisches Handbuch des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge (2. Aufl.). Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., S. 666

[3] Stern, W. (1925b). Aus dreijähriger Arbeit des Hamburger Psychologischen Laboratoriums. Bericht über die pädagogisch-psychologische Tätigkeit des Instituts 1922–1925. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, experimentelle Pädagogik und jugendkundliche Forschung, 26, S. 293

[4] Stern, W. (1916). Psychologische Begabungsforschung und Begabungsdiagnose. In P. Petersen (Hrsg.), Der Aufstieg der Begabten (S. 105–120). Leipzig: Teubner

William Stern

Bildungsforscher

Lebensdaten

  • 1871 in Berlin geboren
  • Studium der Philologie, Philosophie und Psychologie
  • Lehr- und Forschungstätigkeiten in Breslau, Hamburg und Durham (USA)
  • Tagebücher über die Entwicklung seiner drei Kinder gemeinsam mit seiner Frau Clara
  • Entwickelte die Formel des Intelligenzquotienten (IQ)
  • 1938 in Durham gestorben