1. Oktober 2021 | PD Dr. Rebecca Heinemann

Im Zentrum die Person. Die Begabungsethik William Sterns

William Stern war nicht nur der bedeutendste Vertreter der empirischen Begabungsforschung, die in Deutschland im ersten Jahrzehnt nach 1900 in Gang gesetzt wurde. Der Psychologe entwickelte auch eine – bislang zu wenig beachtete – philosophisch fundierte Begabungsethik, in dessen Zentrum das Konzept der Individualität steht.

Dem dynamischen Begabungsmodell Sterns kommt aktuell eine hohe Relevanz für eine werteorientierte, personenzentrierte Begabungs- und Begabtenförderung zu, welche die Entwicklungschancen des Individuums und dessen Recht auf Selbstentfaltung betont und zugleich an dessen Verantwortlichkeit appelliert. Gleichzeitig zeigt es die Aufgaben der Gesellschaft auf, die Bedingungen für eine an der Person orientierte, gelingende Förderung zu schaffen.

Individuelle Begabungen, Interessen und Werte von Kindern als Richtschnur schulischer Begabungsförderung

Die wissenschaftliche Erforschung kindlicher Begabungen verband Stern mit dem ethischen Postulat, deren singuläre Besonderheit zu achten. Sein Appell, Kinder als Subjekte zu stärken und Erziehung und Unterricht an deren Begabungen, Interessen und Werten auszurichten, war zuvörderst an die Lehrerschaft gerichtet. Schulische Begabungsförderung sollte die Schülerpersönlichkeit und dessen Begabungen in den Mittelpunkt stellen. Die zeitgenössische Schule, kritisierte Stern, zielte einseitig auf äußere Leistungseffekte und wurde den besonderen Lernbedürfnissen der Schüler meist nicht gerecht. Sterns Ansatz fand vor allem bei Lehrkräften regen Anklang, welche die Gedanken der zeitgenössischen Reformpädagogik vertraten.

Reform der Lehrerbildung: Zentrale Voraussetzung für eine „begabungsgerechte“ Schule

Die Realisierung einer, modern gesprochen, „begabungsgerechten“ Schule erforderte nach Stern die Kooperation von Psycholog:innen und Pädagog:innen über die – zu seiner Zeit entstehenden – disziplinären Grenzen hinweg. Am Psychologischen Institut der Universität Hamburg, das er bis 1933 leitete, kam dieser Zusammenarbeit ein hoher Stellenwert zu. Sie prägte die Lehrerausbildung am Institut, welche angehenden Lehrkräften die Erkenntnisse der empirischen Begabungsforschung und eine spezifische Begabungsethik vermittelte.

Person- und Entwicklungsbegriff: Wert, Würde und Gestaltungsmöglichkeiten der Person

Die theoretische Begründung dieser Begabungsethik bot der Kritische Personalismus, dessen Grundbegriffe William Stern aus den eigenen, großangelegten kinderpsychologischen Studien gewann [1]. Die Philosophie Sterns akzentuiert die Würde, Freiheit und Selbstgestaltungsmöglichkeiten des Menschen. Begabungen werden als sinnhaftes und wertvolles Entwicklungspotential begriffen. Sie sind der als unteilbare „unitas multiplex“ verstandenen Person wesenhaft eigen und formen deren Individualität.

Anteil des Subjekts an der Begabungsentwicklung

Bei der Begabungsentwicklung kommt neben einer fördernden Umwelt dem Subjekt selbst ein wichtiger Anteil zu: Entwicklungsprozesse sind nach Stern keine bloße Verschmelzung endogener und exogener Faktoren: Hinzu kommt die selbstgestaltende Kraft der die Entwicklung initiierenden „Persönlichkeit“, die nicht nur als „der passive Rahmen für die Akte, sondern [als] deren eigentlicher ,Akteur‘“ [2] zu begreifen ist. Mit dieser Positionierung war Stern seiner Zeit weit voraus. Sie erweist sich als anschlussfähig für eine aktive Begabungs- und Begabtenförderung, deren Ausgangspunkt die Person des Kindes ist, das als „Akteur des eigenen Begabungsprozesses“ [3] gesehen wird.

Begabung und Begabungsverpflichtung

Die personalistische Begabungsethik fokussiert das begabte Individuum und dessen soziales Gegenüber. Begabungsentwicklung ist eine Aufgabe des Menschen, deren Bewältigung Ausdruck selbstverantwortlichen Handelns und verantwortlichen Handelns gegenüber der diesen Prozess unterstützenden Umwelt ist. Stern stellt eine Relation her zwischen dem individuellen „Vermögen“ der menschlichen Person und ihrer Verpflichtung, dieses sinnvoll für das Gemeinwohl einzusetzen. „Individualität ist nicht nur Tatsache, sondern Verpflichtung“ [4].

Am Individuum orientierte Begabtenförderung als demokratische Aufgabe

An Staat und Gesellschaft adressiert Stern die Forderung, die unterschiedlichen in der Bevölkerung vorhandenen Begabungen systematisch zu fördern. Dies versteht er als zentrale Aufgabe des demokratisch verfassten Staates. Der demokratischen Gleichheitsforderung gemäß sollten „alle Arten der Fähigkeit zu ihrem Rechte kommen“ [5] und allen Menschen unabhängig von sozialer Herkunft „die gleiche Möglichkeit“ gegeben werden, „sich nach ihrer Art und gemäß ihren Fähigkeiten in ihrer besonderen Weise zu entwickeln“ [6].

Rechte und Unverfügbarkeit des Menschen

Das personalistische Begabungskonzept William Sterns unterschied sich von zeitgenössischen statischen Begabungsmodellen. Vor allem grenzte sich Stern von in der Weimarer Republik einflussreichen Denkfiguren der Eugenik („Erbgesundheitslehre“) ab, die sich nach 1933 nahtlos in die rassistische Begabungsideologie der NS-Zeit überführen ließen. Gegenüber kollektivistischen Ordnungsvorstellungen, welche den Menschen verdinglichten und die „personale Bedeutung, welche die Begabung für jedes Individuum hat“ [7], missachteten, betonte Stern die durch die personalistische Ethik gesetzten Grenzen des Staates und die Unverfügbarkeit des Menschen.

 

Dr. Rebecca Heinemann ist Privatdozentin am Lehrstuhl für Pädagogik der Universität Augsburg. Als Historikerin und Pädagogin sind ihre Arbeitsschwerpunkte die Stern-Forschung, die Geschichte der Begabungsforschung, die Wissenschaftsgeschichte der Pädagogik sowie die Schul- und Bildungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Fußnoten

[1] Die langjährigen Beobachtungen der Entwicklung der eigenen drei Kinder, die William Stern gemeinsam mit seiner Frau Clara anstellte, waren die wichtigste Inspirationsquelle des Personalismus.

Literatur

[2] Stern, W. (1918). Person und Sache. Bd. 2: Die menschliche Persönlichkeit. Leipzig: Barth, S. 123 f.

[3] Hoyer, T.; Weigand, G.; Müller-Oppliger, V. (2013). Begabung. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg), S. 69.

[4] Stern, W. (1924). Person und Sache. System des Kritischen Personalismus, Bd. 3: Wertphilosophie. Leipzig: Barth, S. 449 f.

[5] Stern, W. (1919). Verjüngung. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik, 20. Jg., 1919, S. 11.

[6] Stern, W. (1928). Die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen und die Methoden ihrer Untersuchung, vierte, um eine Ergänzung (1921-1928) vermehrte Aufl. Leipzig, S. 442 (Hervorhebung im Original).

[7] Stern, W. (1924). Person und Sache. System des Kritischen Personalismus, Bd. 3: Wertphilosophie. Leipzig: Barth, S. 456.

William Stern

Bildungsforscher

Lebensdaten

  • 1871 in Berlin geboren
  • Studium der Philologie, Philosophie und Psychologie
  • Lehr- und Forschungstätigkeiten in Breslau, Hamburg und Durham (USA)
  • Tagebücher über die Entwicklung seiner drei Kinder gemeinsam mit seiner Frau Clara
  • Entwickelte die Formel des Intelligenzquotienten (IQ)
  • 1938 in Durham gestorben