16. Juni 2015 | Tanja Gabriele Baudson

Begabtenförderung ist keine Elitenförderung

Vom "Unsinn der Elitenförderung" schrieb Bernd Kramer letzten Freitag im Spiegel Online. Dem Wunsch, die Kommentarsektion unter strittigen Artikeln im SpOn zu lesen, sollte man ja dadurch begegnen, dass man nach Quokkas, Eulen oder auch niedlichen Kätzchen googelt; in diesem Fall lohnt sich die Lektüre der Anmerkungen jedoch, denn der Autor bekommt für seine wenig differenzierte Darstellung reichlich Gegenwind.

Auch wenn ich etwas in dem Zwiespalt stand, dem Beitrag durch meine Kommentierung möglicherweise mehr Ehre zuteil werden zu lassen, als er verdient, oder solche fragwürdigen Äußerungen einfach kommentarlos in der Welt stehen zu lassen, habe ich mich doch dafür entschieden, im Einzelnen abzuhandeln, was genau ich daran fragwürdig und falsch finde.
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  • Begabtenförderung unterstützt diejenigen, die es am wenigsten brauchen (an anderer Stelle auch in der Variante "Begabtenförderung geht auf Kosten derer, die am meisten Unterstützung brauchen"). Mit Diversität und Differenzierung tun sich Lehrkräfte nach wie vor schwer – und zwar an beiden Enden der Begabungskurve. Systematisch vorbereitet wurden sie darauf nicht; das ändert sich glücklicherweise nach und nach, aber bis die nächste Kohorte im Schuldienst ankommt, dauert es noch. Insofern ist es auch im Hinblick auf die begrenzten Ressourcen eigentlich ganz sinnvoll, wenn Lehrkräfte sich vor allem am Mittelfeld orientieren: Damit erreicht man nun mal die meisten Schülerinnen und Schüler. Wenn überhaupt differenziert wird, liegt der Fokus meist am unteren Ende der Verteilung – das zeigt auch die aktuelle Inklusionsdebatte, wo man teilweise auf völlige Verständnislosigkeit stößt, wenn man auch das Thema Hochbegabung unter diese Perspektive subsumiert.

    Ich illustriere Ihnen das Problem mal anhand der IQ-Verteilung. Dieser zufolge liegen Hochbegabte ebenso weit weg vom Durchschnittswert von 100 entfernt wie Menschen mit geistigen Behinderungen. Von den Hochbegabten wird jedoch erwartet, dass sie sich an den Regelunterricht anpassen. Böse Zungen würden sagen: Dumm stellen geht immer, umgekehrt ist's schwieriger. Würde man vorschlagen, durchschnittlich Begabten denselben Unterricht zuteil werden zu lassen, den auch geistig behinderte Kinder erhalten, wäre die Hölle los erschlösse sich mit einem Mal die ganze Absurdität des Gedankens, dass Hochbegabte keine besonderen Anforderungen brauchen, sondern sich doch mit dem regulären Angebot zufrieden geben sollen – in IQ-Punkten ist der Abstand nämlich in beiden Fällen gleich. Ich würde mir nicht herausnehmen wollen zu beurteilen, wer Unterstützung "am meisten" oder "am wenigsten" braucht. Und schon gar nicht würde ich mir anmaßen wollen, bei dieser Entscheidung eine ganze Gruppe derart undifferenziert über einen Kamm zu scheren. Wenn der Unterricht am Mittelfeld ausgerichtet ist, brauchen Kinder um so mehr Förderung, je weiter weg sie von diesem Mittelfeld liegen. Egal, in welche Richtung die Abweichung geht.

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  • Begabte sind Spitzenschüler. Auch wenn hohes Potenzial hohe Leistung insgesamt sehr gut vorhersagt: Hier muss man zwischen statistischen Zusammenhängen auf Gruppenebene und dem Einzelfall unterscheiden. Insgesamt betrachtet liegt der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Noten bei ungefähr .60 – das ist ein sogenannter Korrelationskoeffizient, der maximal den Wert 1 erreichen kann – das wäre ein perfekter Zusammenhang zwischen Intelligenz und Noten. Nun wissen wir aber, dass Noten auch durch andere Faktoren bedingt sind. Wer schlau ist, aber faul, bekommt unter Umständen schlechtere Noten als jemand, der nicht so schlau ist, aber fleißig. (In einem Wertesystem, das Arbeitsmoral schätzt, ist es auch vertretbar, diesen Faktor in die Note einfließen zu lassen.) Auch wenn der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulleistung insgesamt also substantiell ist, ergibt sich daraus keine Garantie, dass das in jedem Einzelfall auch so ist – dazu ist der Einfluss anderer Faktoren neben der Intelligenz viel zu groß. (Genau gesagt beträgt er bei der genannten Korrelation exakt 64 %. Das ist nicht eben wenig.) Eine Variante dieses Missverständnisses ist das "Statistiken besagen, dass"-"Aber mein Kind"-Phänomen, das einem öfters mal bei Vorträgen begegnet. Man muss die verschiedenen Analyseebenen differenzieren. Aber dass Hochbegabte allesamt Spitzenschüler sind, ist einfach falsch.
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  • Es ist gut, dass der Begriff "Elite" verpönt ist. Hier würde ich dem Autor sogar mal zustimmen. Einen derart negativ konnotierten Begriff braucht kein Mensch. Denn genau um eine "Elite" geht es bei der Begabtenförderung doch gar nicht. Es geht darum, den individuellen Lernbedürfnissen eines Menschen besser gerecht zu werden.
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  • Gymnasiasten sind die Spitze im Bildungssystem (und damit gleichzusetzen mit Hochbegabten?). Hier wird's dann etwas diffus. Einerseits wettert der Autor gegen die Hochbegabten, führt dann als Argument aber den bestbesuchten Schultypus an. (Vielleicht werden am Ende ja doch noch alle Elite, wenn der Trend zum Gymnasium anhält?) Was er allerdings verschweigt, ist, dass die Ausgaben für Gymnasiasten vs. Hauptschüler sogar eher zu Gunsten der Hauptschüler ausfallen: Laut Tabelle 2.5.1 in der von ihm verlinkten Statistik (S. 121) liegen die Ausgaben pro Schuljahr Gymnasium bei 7055,55 €, pro Schuljahr Hauptschule bei 7260,00 €. (BTW: Studierende (ohne Medizin) schlagen pro Jahr nur mit schlappen 6818,18 € zu Buche, stehen dieser Logik folgend also wohl eher nicht an der Spitze.)
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  • Stipendiengeld fließt nicht nur in Bildungsmaßnahmen, sondern geht als "Taschengeld" an die Stipendiaten. Ein Unding. Sagen Sie jetzt bloß, die Verwendung von Kindergeld würde durch die Eltern bestimmt, die damit beispielsweise auch mal eine neue Kaffeemaschine kaufen? (Dabei haben die doch schon ihr Elterngeld abkassiert, diese Gierschlunde!) Oder Sozialhilfeempfänger dürften ihr Geld auch mal für Sachen ausgeben, die einfach nur Spaß machen, ohne dass das jemand kontrolliert? Für Stipendiaten soll es ein Leben außerhalb der harten Arbeit an der Umsetzung ihres Potenzials in Hochleistung geben, wo sie ihr Stipendiengeld am Ende in Bier, Kinokarten oder schöne Schuhe investieren? Nicht zu fassen! Dieses dekadente Geschmeiß! ;)
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  • Akademikerkinder profitieren überproportional von der Begabtenfördermaßnahmen; deshalb befördert Begabtenförderung soziale Ungerechtigkeit. Das Problem liegt hier doch viel weniger darin, dass tatsächlich leistungsstarke und begabte Kinder gefördert werden, sondern darin, dass es augenscheinlich nicht gelingt, das Potenzial in denjenigen zu identifizieren, die keine Akademikereltern haben. Dafür können aber doch die Akademikerkinder nichts. Ebensowenig dafür, dass ihre Eltern versuchen, sie zu unterstützen. Statt begabte Akademikerkinder von Fördermaßnahmen gezielt fernzuhalten, sollte die Konsequenz doch eher lauten, das Suchraster über den engen Radius der subjektiven Vorstellungen, wie ein begabtes Kind zu sein hat, hinaus zu erweitern. Und wir müssen realistisch sehen, dass es nicht damit getan ist, den Kuchen anders aufzuteilen. Wir müssen noch ein paar Kuchen mehr backen.
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  • Die PISA-Ergebnisse zeigen, dass es sich vor allem lohnt, die Schwachen zu fördern. Eine verwegene Schlussfolgerung. Eine Interpretation wie "Schwache fördern ist die beste Bildungspolitik" (weil sich die Begabten im Gegenzug dazu ja nicht gesteigert haben) ist meines Erachtens eher witzlos, wenn der Fokus der Förderung ja eben auf den Schwachen und nicht auf den Starken lag. Ich würde das Ergebnis entsprechend eher so interpretieren, dass eine Steigerung der Leistung dann zu erwarten ist, wenn adäquat, also dem individuellen Fähigkeitsniveau entsprechend, gefördert wird. Das scheint bei den Hochbegabten weniger der Fall zu sein als bei den geringer Begabten (und auch bei denen ist sicherlich noch Luft nach oben). Wer weiß, welche Ergebnisse die Hochbegabten erzielen würden, wenn man sie mal allesamt richtig fördern würde? Das werden sie aktuell nämlich nicht – von den sehr wenigen Ausnahmen, die das Glück haben, in einer Begabtenfördermaßnahme gelandet zu sein, mal abgesehen.
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  • Wir wissen nicht, ob ein Elfjähriger in 10, 20 Jahren tatsächlich zum Wirtschaftswachstum beitragen wird. Vorhersagen sind ja bekanntlich generell schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. So, wie der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulnoten nicht perfekt ist, bedeutet auch Förderung nicht, dass es im Einzelfall immer eine Erfolgsgarantie gäbe. Förderung erhöht insgesamt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Potenzial umgesetzt wird. Denn was bietet Begabtenförderung? Zunächst doch einmal Anforderungen auf einem Niveau, das dem Fähigkeitsniveau des Kindes angemessen ist. Man sagt, ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Wie hoch ein Pferd allerdings überhaupt springen kann, findet man nur heraus, indem man die Latte höher legt, das Pferd also fordert. Die Gefahren, die mit einer Nichtförderung einhergehen – Demotivation, Langeweile, Schulunlust, negative Einstellungen zum Lernen, von möglicherweise resultierenden psychischen Folgen dieser Nichtpassung mal ganz abgesehen –, sind meines Erachtens überproportional höher als die Gefahr, mal das eine oder andere Kind zu fördern, das am Ende keinen Nobelpreis gewinnt.

    Ob das Wirtschaftswachstum tatsächlich das Maß der Dinge sein sollte, sei außerdem mal dahingestellt – ich bin von diesen einseitig ökonomisch ausgerichteten Argumentationen ja kein Fan. Sein Potenzial umsetzen zu können in einer Umwelt, die das anerkennt, ist nicht zuletzt ein ganz wichtiger Baustein für das persönliche Lebensglück. Wieso sollte man Kindern, die nun mal schlechter ins reguläre Schulsystem passen, diese Erfahrung vorenthalten? Am anderen Ende geht's doch auch.

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  • Die Förderung, die Begabten zuteil wird, wird anderen vorenthalten. Ich bin seit langem auf der Suche nach konkreten Zahlen, wieviel Prozent des Bildungsetats in die Förderung schwächerer Schülerinnen und Schüler gesteckt wird und wieviel Prozent in die Förderung der Hochbegabten. Wenn ich mir die vielen Förderschulen anschaue, beschleicht mich da ein ganz schrecklicher Verdacht, dass die Begabtenfördermaßnahmen finanziell vielleicht gar nicht so sehr ins Gewicht fallen.

    Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist die nach der Gerechtigkeit; und hier herrscht meines Erachtens immer noch das große Missverständnis, dass Gerechtigkeit dann gegeben ist, wenn man alle über denselben Kamm schert. Genau das ist aber falsch. Gerecht wäre ein Bildungssystem dann, wenn es den Besonderheiten eines jeden Kindes so entgegenkäme, dass es sein individuelles Potenzial entfalten kann. Und dabei ist es völlig egal, ob das Potenzial nun am unteren Ende, am oberen Ende oder irgendwo mittendrin liegt. Das sollte das eigentliche Ziel sein; aber mit denjenigen anzufangen, die auf beiden Seiten am weitesten vom Durchschnitt weg liegen, erscheint mir ein sinnvoller Ansatzpunkt.

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  • Es ist unklar, welche Begabungen man überhaupt fördern sollte – Hochbegabte oder Hochleister. Das ist im Gegenteil ganz klar: beide! Denn auch die durchschnittlich begabten Hochleister bringen doch Potenzial mit: Fleiß, Ausdauer, Frustrationstoleranz, Gründlichkeit, lauter Tugenden, die der Potenzialentwicklung sehr förderlich sind. Man muss sie nur nicht mit denselben Methoden fördern. Hochbegabte sind an sich schon eine sehr heterogene Gruppe; und nicht jede Hochbegabtenfördermaßnahme trifft genau den Bereich, in dem ein hochbegabtes Kind am stärksten profitieren würde. Hochleister brauchen eine Förderung ebenso – aber sie brauchen mit großer Wahrscheinlichkeit eine andere Förderung als talentierte, aber von der Schule frustrierte Underachiever.
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  • Begabtenklassen schaden möglicherweise denen, die nicht davon profitieren. Man kann sein Leben ja bekanntlich nur einmal leben; insofern ist die Alternativhypothese (was wäre gewesen, wenn Kind X doch in die Begabtenklasse gekommen wäre?) eher schwierig zu überprüfen. Aber nicht die Begabtenklassen schaden diesen Kindern, sondern die Tatsache, dass ihnen nicht die Förderung zuteil wird, die sie bräuchten. Das ist aber kein Argument gegen Begabtenklassen generell. Kurzsichtige profitieren von Sehhilfen. In armen Ländern haben Menschen weniger Chancen, an eine Brille zu kommen. Soll man deshalb auch denjenigen ihre Brillen wegnehmen, die das Glück haben, eine zu besitzen? Das wäre doch absurd. Im übrigen sehe ich es keineswegs als die Verantwortung der hochbegabten Kinder und Jugendlicher, ihren Mitschülerinnen und Mitschülern "Nachhilfe" zu geben und so Defizite zu beheben, die vielmehr im Bildungssystem insgesamt zu verorten sind.

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Insgesamt ärgert mich bei diesem Artikel, dass er wieder nur den alten Grabenkämpfen, wer nun eine Förderung am meisten braucht und verdient, Vorschub leistet, das eigentliche Problem dabei aber völlig ignoriert: Menschen sind verschieden und brauchen ganz unterschiedliche Bedingungen, um sich optimal zu entfalten. Künstliche Fronten zwischen "Hochbegabten" und "Nichthochbegabten" zu eröffnen und Missgunst zwischen den Gruppen zu schüren, ist dabei nur wenig zielführend. Hochbegabung ist einer von vielen Aspekten der menschlichen Vielfalt insgesamt und somit letztlich auch nur eine Spielart der Normalität. Sie als eine von vielen Besonderheiten zu akzeptieren und in ihren Stärken zu fördern, ist nur die logische Konsequenz für ein Bildungssystem, das einen konstruktiven Umgang mit Diversität insgesamt anstrebt.

31 Gedanken zu „Begabtenförderung ist keine Elitenförderung

  1. von fegalo

    Elitenförderung

    In meinen Augen verfehlen auch Sie das Thema, Frau Baudson, denn Begabtenförderung ist kein Gegenstück zur Förderung von Begabungsschwachen, noch eine Gratifikation für Begabte, ihre Chancen auf ein hohes Einkommen noch weiter zu steigern, sondern sollte einzig eine politisch motivierte Maßnahme sein, das Potential Deutschlands an Führungskraft, Wissenschaft, Erfindertum etc. zum Nutzen der Gesellschaft insgesamt zu fördern.

    Es ist nicht der Sinn der Elitenförderung, individuelle Biografien zu befördern oder das Lebensglück einzelner Personen zu steigern. In der Tat haben die Unterstützung in der Regel nicht nötig.

    Vielmehr handelt es sich um eine Investition, von der man sich eine Rückzahlung verspricht, und zwar gegenüber der gesamten Gesellschaft.

    Jenseits dieses erwarteten besonderen Nutzens für die Gesellschaft gäbe es keinen Grund, Begabte besonders zu fördern.

    Das wäre nicht mehr die Aufgabe des Staates, sondern der Eltern.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Auf diese ökonomische Perspektive wird die Debatte ja gern reduziert. Aber wieso muss es ein Widerspruch sein, sein Potenzial umsetzen zu können und dabei auch noch glücklich zu werden? Ich würde ja sagen, jemand, der in einem Bildungssystem positive Erfahrungen gemacht hat und sich angenommen und gefördert fühlt, wird sich damit doch eher identifizieren und vielleicht auch etwas zurückgeben wollen als jemand, der permanent nirgends reinpasste. Im übrigen sehe ich es durchaus so, dass die Politik gegenüber ihren Bürgern durchaus auch eine ethisch-moralische Verantwortung hat. (Ob das gelingt, ist eine andere Frage, aber ich wollte hier eigentlich auch keinen Stammtisch aufmachen.)

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  2. von Sascha

    Wahre Worte

    Vielen Dank für die tollen Anmerkungen!
    Genauso sollte eine Diskussion um Förderung aussehen.
    Bitte weitermachen

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Danke sehr! :D

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  3. von Martin Holzherr

    Glückliche Hochbegabte sind gut für ein Land

    Dass Hochbegabte für ein Land einen Unterschied ausmachen können, scheint offensichtlich, wenn man an Figuren wie Elon Musk oder Nicholas Tesla denkt - zwei Personen übrigens, die neben ihrer Hochbegabung auch schrullige Züge zeigen/zeigten und die bei einer "besseren" Kindheit möglicherweise mehr Sozialkompetenz entwickelt hätten. Wie Fördermassnahmen sich aber letztlich auswirken, ob sie sich irgendwie rückzahlen, sich selbst finanzieren, ist sehr schwierig zu sagen. Doch jemanden falsch behandeln indem man seine Persönlichkeit, Wesensart und Intelligenz ignoriert, läuft oft daraus heraus, den Betroffenen unzufrieden zu machen, was sich oft für das ganze weitere Leben einbrennt und dann auch im Verhalten auswirkt. Wer eine schlechte Kindheit gehabt hat und sprachlich begabt ist, hat damit immerhin das Material für einige Bücher. In den meisten Fällen folgt aus Negativem aber nichts Positives.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      "Doch jemanden falsch behandeln indem man seine Persönlichkeit, Wesensart und Intelligenz ignoriert, läuft oft daraus heraus, den Betroffenen unzufrieden zu machen, was sich oft für das ganze weitere Leben einbrennt und dann auch im Verhalten auswirkt."

      Das kann ich nur unterschreiben! :) Sehr schön auf den Punkt gebracht!

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  4. von Irene

    Wenn der Elternwille heilig ist und ganze Schulklassen geschlossen aufs Gymnasium übertreten, orientieren sich die Gymnasien stärker am Mittelfeld als früher, sodass die Gruppe derjenigen größer wird, die damit unterfordert sind. Dann bräuchte man womöglich eine gestaffelte Begabtenförderung, weil ein IQ von 125 und von 145 auch sehr unterschiedliche Bedürfnisse mit sich bringen. In diesem Blogeintrag klingt das ja schon an, dass es um ein Spektrum geht.

    Oft wird aber so getan, als seinen Hochbegabte eine völlig von den anderen getrennte Gruppe oder gar Spezies (es gab mal ein Buch zum Thema mit Katze und Hund als Metapher im Titel) und die Normalbegabten quasi homogen. Aber mit einem IQ 132 ist man nicht groß anders als mit 128, zumal das Testergebnis ja auch von der Tagesform und der Erfahrung mit derartigen Aufgaben abhängt. Vielleicht sollte man dem IQ-Testergebnis ein Infoblatt über Statistik beilegen ;-)

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Zustimmung! Intelligenztestung erfordert nicht umsonst intensive Einarbeitung auch in die Hintergründe der Messung und des Konstrukts an sich. Ich finde, es bringt auch nichts, Hochbegabte als qualitativ "anders" zu klassifizieren; letzten Endes ist auch das nur ein Teilaspekt der menschlichen Vielfalt an sich, und ich denke, diese Vielfalt zunächst mal bei allen anzunehmen und zu versuchen, damit umzugehen, wäre der Debatte deutlich zuträglicher als Kategorisierungen und Grabenkämpfe.

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  5. von Steppenlilie

    Entstellter Begriff

    Diversität bezeichnet einzig die Vielfalt der Orte innerhalb der sozialen Welt, an denen Menschen die ihnen von Natur aus gegebene Arbeitskraft effizient verausgaben und zwar völlig unabhängig von ihrer Begabung. Insofern gilt es lediglich, dafür zu sorgen, dass solche Möglichkeiten zugänglich bleiben. Angesichts dessen könnte der von Frau Baudson verwendete Begriff von Diversität nicht entstellter sein und belegt deshalb vor aller Augen dessen inzwischen geradezu beliebig gewordene Rezeption.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Auf welches Universum bezieht sich Ihre Definition von Diversität?

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  6. von A. Tina

    Mir hätte es gereicht, in der Schule nicht ausgebremst und gemobbt und in der Familie nicht als arbeitsscheu beschimpft zu werden, nachdem ich unbedingt Abi machen und studieren wollte.
    Jetzt bin ich fast 40, schlag mich als Facharbeiter durch die Welt und nehm brav meine Citalopram.
    Wenn man mittemäßige Noten hat und den Unterricht nicht groß stört, juckt es die Lehrer wenig ob da noch mehr Potential rauszuholen wäre.

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  7. von MINTiKi

    Die frage ist das wie

    schön, dass nicht nur mich dieser Artikel verärgert hat ...
    auch wenn ich gegen Internate oder abgesonderte Klassen bin - viele vergessen auch, dass wenn man zum Beispiel eine integrative Förderung von Hochbegabten durchführt, man mit dazu beiträgt, dass der Leistungswille und das Können der gesamten Gruppe steigt (dazu gibt es Studien) und es beschwert sich niemand, wenn Kinder in Musik oder Sport gefördert werden
    - grundsätzlich tut unser Schulsystem den meisten nicht gut, daher wäre insgesamt eine Umstrukturierung notwendig (und da finde ich keines der so genannten fast 100 Jahre alten "Reformpädagogikmodelle" gut, denn ich habe dort bisher noch keine neuen neurowissenschaftlichen Erkenntnisse umgesetzt gesehen, außerdem hatte ich als Kind beim Umgang mit diesen Modellen das Gefühl, nicht ansatzweise für voll genommen zu werden)

    und gerade in den sehr abstrakten Bereichen (Technik, Mathematik, Physik) und vor allem bei Jungen kenne ich das Problem, dass sie den Lehrern gehörig auf die Nerven gehen und damit jede Menge Steine in den Weg gelegt bekommen von diesen Lehrern
    und nicht für die Schule lernen ist nicht mit Faulheit gleichzusetzen - die meisten hochbegabten Kinder, die ich kenne und schlechte Noten haben sind alles andere als faul - nur in der Schule ist es eben entsprechend langweilig - für den einen aus Unterforderung und für den anderen aus Überforderung und ein Gehirn ist kein Computer, den man nach Belieben an und ausschalten kann, wenn es denn mal spannend/ wichtig wird
    außerdem kommen andere Charaktermerkmal hinzu wie der Wille sich Regeln/"Wissen" zu unterwerfen, welches man als falsch erkannt hat - DAS wird nämlich von den meisten Lehrern überhaupt nicht gern gesehen und genau die Kinder, welche anfangen neue Forschungserkenntnisse in den Unterricht einzubauen, Dinge zu hinterfragen oder einfach mehr wissen wollen, als der Lehrer weiß haben es entsprechend schwer und ja Anpassungsfähigkeit hat an vielen Stellen auch ihre Berechtigung, aber das Gegenteil (Sturheit, Unbeugsamkeit, ...) beschert uns Fortschritte in der Wissenschaft und damit in der Gesellschaft und hat es immer schon

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  8. von Frau Meike

    Irrtum und Vorurteil

    Ich danke Ihnen von Herzen für diese Anmerkungen und Richtigstellungen.

    Ein Punkt kommt meines Erachtens oft zu kurz im Umgang mit Hochbegabung: die allgemeine Annahme ist doch immer noch Hochbegabung = etwas Besseres, leistungsfähiger, Überflieger, weniger Probleme usw. Sie gilt im weitesten Sinn als etwas Wünschenswertes, Gutes, das anderen verwehrt bleibt, und produziert dadurch alle Schattierungen von Misstrauen, Neid und Unsicherheit, kurz: ein ablehnendes Klima in der Bevölkerung.
    Das hochbegabte Schulkind, das sich langweilt und deshalb den Unterricht stört, ist das Höchstmaß an problematischer Nebenwirkung, das man der HB zugesteht.

    Viele Personen meines unmittelbaren Freundeskreises sind gesichert hochbegabt (ich habe sie übrigens nicht danach ausgesucht ;) ), von mir selbst weiß ich es nicht sicher, und wenn man eins sagen kann, dann, dass Hochbegabung ganz sicher nicht bedeutet, dass die Betroffenen [sic!] weniger Probleme haben. Ganz im Gegenteil.
    Ich kenne keinen HB, der nicht zumindest phasenweise depressiv ist, der nicht mehr oder weniger große Anpassungsschwierigkeiten hat, dem seine enorm erhöhte Sensibilität nicht das Leben schwer macht oder der sich nicht mal für einen Augenblick Ruhe von der ständig rotierenden Gedankenspirale wünscht.

    Außerdem bringt HB oft Isolationsgefühle mit sich, weil den HB-Menschen und den normalbegabten genauso viel trennt wie den normalbegabten und den minderbegabten. Sie haben das ja sehr schön verdeutlicht. Es ist wie eine Glaswand zwischen dem/der Hochbegabten und der Welt. Es gibt sicher Umfelder, in denen ein HB-Kind sich weniger isoliert fühlt, weil das Bildungs- und Intelligenzniveau höher ist, aber in der normalen Mittelschicht hat ein hochbegabter Mensch immer große Probleme, emotionalen Anschluss zu finden, ohne sich dabei zu verbiegen.

    Es gibt nicht zufällig so riesige Schnittmengen zwischen Hochbegabung, Autismus, ADHS und Hochsensibilität. Ich neige deshalb ein wenig dazu, Hochbegabung als Form von Behinderung zu betrachten, weil sie mitunter so große Schwierigkeiten mit sich bringt, dass die Leute sich kaum an die Anforderungen und Normen der Welt anpassen können. Und in dem Moment wird aus dem Überflieger der Schulabbrecher und Lebensversager, der Hilfe und Unterstützung braucht.

    Deshalb ja: unbedingt für Begabtenförderung. Die Welt muss Platz schaffen für die Freaks, die am rechten Ende der Gauß'schen Glockenkurve stehen.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Das ist ein ganz zentraler Punkt, den Sie ansprechen: Ich habe das Gefühl, dass sehr viele Menschen ein Problem haben, Dinge einfach mal hinzunehmen, ohne ihnen gleich einen gleich wie gearteten Wertigkeitsstempel aufzudrücken. Hochbegabte Kinder haben in sozialer und emotionaler Hinsicht auch keine anderen Bedürfnisse als andere – sie wollen genauso gemocht werden, so angenommen werden, wie sie sind, zeigen, was sie können, wie jedes Kind. Probleme kommen dann zustande, wenn die Umwelt diese Bedürfnisse nicht erfüllt. Und ich würde sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Umwelt passt, um so geringer ist, je stärker man (wahrscheinlich hinsichtlich jedes beliebigen Merkmals, das ist m.E. nicht auf Hochbegabung beschränkt) vom Durchschnitt abweicht. Ich glaube, vielen Menschen macht die Wahrnehmung, dass etwas "anders" ist, auch einfach Angst (was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht, etc.). Die Ursache ist aber nicht die Hochbegabung, sondern in der weitgehenden menschlichen Unfähigkeit, Abweichungen von einer (vermeintlichen) Normalität zu tolerieren und noch viel weniger adäquat mit ihnen umzugehen.

      Deshalb würde ich das Ganze ein bisschen aufdröseln wollen: Hochbegabung ist nämlich im Gegenteil auch eine großartige Ressource, solche Zusammenhänge überhaupt erst mal zu durchschauen und dann mit ihnen umzugehen – beispielsweise auch dadurch, dass man seine Umwelt verändert oder sich passende Umwelten sucht. Was dazu aber, denke ich, essenziell ist – und damit komme schlage ich wieder den etwas assoziativ geratenen Bogen zu Ihrem Posting –, ist der emotionale Rückhalt. (Erinnert mich gerade ein bisschen an die Bindungstheorie und die Versuche von Ainsworth und Bowlby – es sind nicht umsonst die sicher gebundenen Kleinkinder, die ihre Umwelt explorieren.) Und Begabtenfördermaßnahmen haben eben auch diese soziale und emotionale Bedeutung: dass ein hochbegabtes Kind oder ein/e hochbegabte/r Jugendliche/r da nicht nur so sein darf, wie er/sie ist, sondern sogar noch andere findet, die so ähnlich ticken. Um dann vielleicht den Transfer vorzunehmen, dass einen möglicherweise auch mit denen in der Mitte der Glockenkurve so einiges verbindet.

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  9. von Horst

    Vernunftbegabt sind wir alle - gefördert wird aber ...!?

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  10. von Joachim Schlosser

    Begabung

    Danke für diesen Artikel!

    Hochbegabung kommt in allen Bevölkerungsschichten, in allen Arten von Elternhaus vor. Nur leider werden diese Kinder oft nicht erkannt und verkümmern. Das ist das Problem. Reiche Familien haben keineswegs öfters begabte Kinder, hier werden diese nur öfters erkannt. In bildungsfernen Elternhäusern werden Begabte und Hochbegabte eben öfters verkannt und nicht gefördert. Möchte der Spiegel-Kommentator wirklich solche Kinder benachteiligen, indem er ihnen Förderung verwehrt?

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Das ist wirklich ein großes Problem – ich kenne selbst einige solche Fälle ("Du musst doch kein Abi machen, später heiratest Du doch eh …", "wir haben auch alle nur Hauptschulabschluss" etc.). Erwartungseffekte sind leider verdammt mächtig, und die eigenen über die Jahre gewachsenen Scheuklappen abzulegen, erfordert einiges an Reflexion und Veränderungswillen. Klar kann man es auch den bildungsnahen Eltern nicht verdenken, wenn sie ihren Kindern auch die bestmögliche Förderung angedeihen lassen wollen – sie wissen ja, wie wichtig das ist. Die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften ist da m.E. der Knackpunkt – in die Schule muss ja jedes Kind, und Lehrkräfte haben einfach einen ganz anderen Überblick als Eltern, sowohl über die Breite des Begabungsspektrums als auch (wenn sie sich informieren) über die Breite des Förderangebots. Man könnte das durchaus auch als Win-Win-Situation begreifen: Ein Kind, dem ich dank meiner diagnostischen Kompetenz angemessen schwierige Aufgaben gebe, nervt mich im Unterricht weniger damit, dass es schon wieder fertig ist ;) Diagnose ist ja nur ein Teil des pädagogischen Handelns, letzten Endes geht es ja darum, etwas mit dieser Diagnose zu machen und das zugrundeliegende Problem (idealerweise nachhaltig) zu lösen.

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  11. von Sennerin

    Hochbegabung ist eine Art von Behinderung, denn es ist nicht die Norm. Jedes Kind, das unter dem Durchschnitt geistig behindert ist wird gefördert, selbst wenn es volkswirtschaftlich nie einen Nutzen bringen wird. Das ist trotzdem gut so. Aber dass man Kindern, die über der Norm liegen mit ihren geistigen Fähigkeiten jegliche Hilfe verwehrt ist mittelalterlich, obwohl der volkswirtschaftliche Nutzen hoch wäre.

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  12. von Sascha

    Kita

    Bei dem ganzen schönen Themen, die das KMK aufgriffen hat werden 2 Dinge noch wichtiger.

    1) Ausbildung an den Unis für das Lehramt,hier muss das Thema mehr in lehrpläne aufgenommen werden. Auch kann ich nur empfehlen Lehrer(innen) an einer HB Diagnositk als Beobachter teilnehmen zu lassen. Gerne auch nur mit einem Video. Wenn man einmal sehen kann, was diese Kinder "leisten" können, macht das einfach nur Spass dies zu sehen. Man bekommt einen ganz anderen Blick, wenn ein 6 jähriger Junge, die Aufgabe für einen 10 Jährigen im AID 3 löst.

    2. Warum wird erst in der Grundschule gestartet?. Das Thema fäng schon in der Kita an! Wie werden Übergange von einem System in das nächste gestartet?

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  13. von Peter v.Bandemer

    Begabtenförderung ist keine Elitenförderung

    Deshalb spreche ich auch mehr und mehr von "Betroffenen" als Mittelding zwischen dem positiv vorbelasteten "Hochbegabung" und dem falsch verstandenen "eigentlich auch behindert".
    Der Spiegelartikel sollte m.E. lediglich ein Thema reisserisch behandeln, Lösungsansätze waren da nicht gefragt. Es bleibt abzuwarten inwieweit sich die heimlichen Förderer der "natürlichen Eliten" im Sinne einer intransparenten und radikal liberalen Gesellschaft in der KMK mit der Interpretation schwertun und welche sprachlichen Zweideutigkeiten auf uns zukommen.

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  14. von Korrelationssabine

    wer jetzt?

    Liebe Frau Baudson, wären Sie in der Lage, die Forensoftware so zu benutzen, dass Ihre Antworten (insbesondere fröhlich unspezifische wie: "Danke sehr! :D ") den entsprechenden Kommentaren zuzuordnen sind?

    Das hülfe durchaus, wenn es denn eine fruchtbare Diskussion werden soll. "Frauen und Technik..." heißt es sonst wieder...

    Hier noch eine Leseempfehlung zum Thema.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Ich antworte auf Antworten und Kommentare im Backend, und zwar jeweils beitragsspezifisch. Wenn das nicht entsprechend angezeigt wird, liegt der Fehler wohl im System – die WordPress-Umstellung ist zwar schon ein bisschen her, aber anscheinend läuft wohl trotzdem noch nicht alles rund. Ich geb's mal an den Admin weiter.

      +++ UPDATE +++ Vielen Dank an Herrn Rehberger, der sich des Problems angenommen und es erfolgreich gelöst hat! :) Jetzt sollte alles klappen. Ansonsten einfach Bescheid sagen.

      Antworten
  15. von Joachim Schlosser

    Begabung

    Antwort zum Antwortkommentar von Gabriele:

    Wobei es nicht nur darum geht, den Begabten schwierigere Aufgaben zu geben. Gerade Hochbegabte müssen vielleicht andere Dinge lernen: den Laden in Ordnung halten. Blätter sauber ablegen. Fokussierung usw.

    Antworten
  16. von Sári Brüssel

    1. Vorsitzende

    Liebe Frau Dr. Baudson,

    herzlichen Dank für Ihr fundiertes Statement zu diesem unsäglichen Kommentar von Bernd Kramer! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
    Herzliche Grüße
    Sári Brüssel
    Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind - Regionalverein Rheinland-Pfalz/Saarland

    Antworten
  17. von H_eike W.

    Auf auf, 40 ist noch nicht das Ende

    Na dann nix wie los, Abitur machen. 40 ist ja nun noch nicht Lebensende. Ich habe deutlich älter noch angefangen das Abi nachzuholen und studiere endlich. Ich empfinde es als Gewinn, zum einen sich mal anstrengen zu müssen und zum anderen in dem Umfeld ernst genommen zu werden. Obwohl so ein Studentenalltag in meinem Alter unglaublich anstrengend ist, bin ich froh, den Schritt gegangen zu sein.

    Antworten
  18. von Senner

    Nutzen-Kosten-Analyse

    "Hochbegabung ist eine Art von Behinderung, denn es ist nicht die Norm. Jedes Kind, das unter dem Durchschnitt geistig behindert ist wird gefördert, selbst wenn es volkswirtschaftlich nie einen Nutzen bringen wird. Das ist trotzdem gut so."
    Trotzdem.

    "Aber dass man Kindern, die über der Norm liegen mit ihren geistigen Fähigkeiten jegliche Hilfe verwehrt ist mittelalterlich, obwohl der volkswirtschaftliche Nutzen hoch wäre."
    Obwohl.

    Sie denken bei Hochbegabung automatisch an volkswirtschaftlichen Nutzen, andere wenige denken dabei humanistisch. Das ist, mit Verlaub, der protestantische pseudoethische Gehorsamszeitgeist.

    Antworten
  19. von Panaema

    Wer von Hochbegabung spricht, akzeptiert die Idee der Minderbegabung.

    Und schon bekommt das Ganze einen verdammt üblen Beigeschmack.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Einen üblen Beigeschmack bekäme es dann, wenn man den Wert eines Menschen daran knüpfen würde. "Unterschiedlich" heißt aber nicht "besser" oder "schlechter.

      Antworten
  20. von Rosina

    Mehr Aufklärungsarbeit!!!

    Wie viele Kinder müssen eigentlich unnützerweise Ritalin nehmen, um ihre Unterforderung, die - schlimmstenfalls - nicht erkannt wird, weil jemand testet, der davon keine Ahnung hat, für LehrerInnen und KlassenkameradInnen erträglich zu machen - zum eigenen Leidwesen und dem der Eltern?

    Wie viele Eltern leiden massiv darunter, mitansehen zu müssen, wie ihr Kind in einem Käfig gehalten wird, der nicht aufzustemmen ist, weil Hochbegabung nicht erkannt oder falsch verstanden wird?

    Wie viele Eltern leiden aufgrund der jahrelangen Kämpfe ums Verstandenwerden, insbesondere mit den Lehrkräften/Schulleitungen, oder der guten Mimik zum schlechten Spiel, weil als Alternative bspw. nur Internate für emotional Anderstickende zur Verfügung stehen, an Burnouts? Wer gibt sein Kind gern zwangsweise her, weil Schulpflicht besteht?!

    Ist das ökonomisch vertretbar? Aus menschlicher Sicht wohl kaum!

    Wünschenswertes:
    Es müsste noch viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, damit Missverständnisse und Missgunst verringert werden können!

    Ich sehe das auch so, dass bereits im KiGa auf HB eingegangen werden muss! Auch das Pädagogik-Studium (und andere wie Psychologie) muss um diese Thematik detailliert bereichert werden, um hier etwas vorantreiben zu können!

    Es kann doch dann grundsätzlich nicht so schwer sein, bspw. an bereits bestehenden Grundschulen wenigstens eine Klasse einzurichten (je nach Größe eine Klasse für mehrere Schulen), in der auf diese "anderstickenden" Kinder eingegangen werden kann, mit Lehrkräften, die Kinder als Bereicherung empfinden, bevor diese gedemütigt und voller Selbstzweifel auf die nächste Odyssee geschickt werden. Auf bspw. Entdeckertagsschulen mit ellenlangen Wartelisten können wir uns doch nicht ausruhen! Aber wie und wo ansetzen, wenn es möglicherweise politisch erst gar nicht gewollt ist?

    Antworten
  21. von Juszka

    Dieser pädagogischer Interventionismus

    ... irritiert mich zutiefst. Woher kommt dieser unhinterfragte Glaube, man müsse ganz unbedingt etwas tun, man müsse differenzieren, indem man von außen und mit viel Aufwand "fördert"? Für jüngere Kinder mag es angemessen und wichtig sein, herausfordernde und anreizvolle Angebote zu machen (aber erstmal besser fragen, was sie wollen, bitte). Doch ab einem gewissen Alter sind wir nun wirklich selbst verantwortlich, unsere Umwelt so zu gestalten oder Umwelten so auszusuchen, dass unsere Potenziale auslebbar werden! Wofür sind wir denn so intelligent? In diesen Diskussionen werden viel zu oft die Interessen und Anliegen der hochbegabten jungen Menschen mit denen bestimmter Berufsgruppen oder Akquisiteuren von Forschungsgeldern vermischt. Und die sollten unbedingt getrennt werden.
    Hochbegabte Schüler (die in Gynmasien übrigens keine zwei Standardabweichungen über ihren Peers liegen!) verbringen viele Stunden am Tag in Gleichmacherei-Veranstaltungen mit schleppendem Tempo und unbefriedigender thematischer Komplexität. Warum sollten diese Schüler ausgerechnet noch mehr von außen an sie herangetragene Programme brauchen, und warum nicht einfach weniger vom Standardprogramm? Diese viele Stunden abgesessener Zeit und quälender Pflichterfüllung (Hausaufgaben) gegen freie, für Passionen und Projekte nutzbare Zeit einzutauschen, scheint mir attraktiver als einfach etwas obenauf zu setzen. Eine Abschaffung unseres deutschen Schulzwangs böte Entlastungs- wie Entfaltungspotenzial gleichermaßen (und nicht nur für Hochbegabte), aber würde natürlich auch viel Wind aus den Segeln derjenigen nehmen, die das Thema Hochbegabung zu ihrem Steckenpferd gemacht haben...

    Ich war eine dieser frustrierten, demotivierten Underachiever, habe zweimal die Schule geschmissen, von Hartz IV gelebt und für fünf Euro die Stunde gearbeitet, mein Abitur in meinen Zwanzigern am Abendgymnasium gemacht, studiere heute Psychologie und bin Stipendiatin (und nein, ich kann nicht über Ihren Witz lachen, dass Leute ihr Büchergeld für Schmuck, Kino oder Bier ausgeben - dafür haben nämlich andere hart gearbeitet und die Studienwerke haben sicherzustellen, dass wir es für unsere Bildung einsetzen). Ich glaube nicht, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt meiner Schulkarriere Lust auf Förderprogramme jedweder Art gehabt hätte. Ich wollte meine Ruhe haben und die Dinge tun und lernen können, die mich gerade interessierten (und habe in den letzten Jahren viele späterkannte Hochbegabte getroffen, die ähnliches berichten). Konnte ich aber nicht, und daran hätte auch Begabungsförderung nichts geändert. Jetzt erarbeite ich mir als Erwachsene mühsam meine intrinsische Motivation zurück und nähre damit meine Hoffnung, keine langweilige, gleichgeschaltete Akademikerin zu werden.

    Antworten
  22. von spn

    Stipendien

    "Stipendiengeld fließt nicht nur in Bildungsmaßnahmen, sondern geht als "Taschengeld" an die Stipendiaten."

    Und im Idealfall führen genau diese als "Taschengeld" gewährten Stipendiengelder dazu, dass Menschen aus weniger betuchten Haushalten überhaupt an "Bildungsmaßnahmen" (was auch immer Herr Kramer damit meint) teilnehmen können, statt beispielsweise _anstelle_ eines Studiums einer Vollzeiterwerbsarbeit für ihren Lebensunterhalt nachgehen zu müssen. Oder sich für die Teilnahme an "Bildungsmaßnahmen" notwendiges Material überhaupt beschaffen zu können (bspw. Bücher).

    Was ist verwerflich daran, mittels Stipendien Partizipation zu ermöglichen? Und inwiefern lässt sich haltbar behaupten, Stipendiengeld, das -- beispielsweise in Form von Beihilfen zum Lebensunterhalt (aka "Taschengeld"?) -- die Partizipation an "Bildungsmaßnahmen" überhaupt erst ermöglicht, flösse nicht in "Bildungsmaßnahmen"?

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