15. Mai 2016 | Tanja Gabriele Baudson

Intelligenz: das unsympathische Merkmal

Hohe Intelligenz ist das zentrale Merkmal Hochbegabter. Intelligenz ist wichtig für die Leistungsentwicklung. Und gut messen können wir sie obendrein. Dennoch trifft sie in unserem Bildungssystem vielfach auf Misstrauen und Antipathie. Warum eigentlich?

Intelligenz ist nach wie vor das zentrale Kriterium bei der Hochbegabungsdiagnostik. Sie sagt Leistungen besser voraus als jedes andere psychologische Einzelmerkmal, auch wenn neue Studien immer mal wieder etwas anderes behaupten. Darüber hinaus hat sie den großen Vorteil, dass man sie sehr genau und zuverlässig messen kann. Man könnte also durchaus zu dem Schluss kommen, dass es sich lohnen würde, dieses relevante Merkmal systematischer zu erfassen, um Aufgaben und Lernkontexte so zu gestalten, dass sie den intellektuellen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern (und nicht nur denen) besser entgegenkommen – und nicht eben nur dann, wenn in der Schule etwas schief läuft.

Trotz ihrer offensichtlichen Nützlichkeit hat die Intelligenz in Pädagogenkreisen jedoch einen schweren Stand. Bei Studien in Schulen verbrämen wir das, was wir machen, auch gerne mal als "Knobelaufgaben", um das böse I-Wort möglichst zu vermeiden. Von flächendeckender Potenzialdiagnostik mit Hilfe standardisierter Tests sind wir in Deutschland weit entfernt. Man könne einen Menschen doch nicht auf eine Zahl reduzieren, so das weit verbreitete Missverständnis darüber, was das Ziel einer Intelligenzdiagnostik doch gerade nicht sein soll.

Zudem erfahren Lehrkräfte nach wie vor zu wenig über Intelligenz in ihrem Studium – oder vielmehr über ihren praktischen Nutzen in der Anwendung. Eine der Fragen meiner letzten Klausur war beispielsweise, ob Intelligenz und Schulleistungen positiv zusammenhängen. (Die Antwort ist "ja", was Sie vermutlich wussten, weil Sie weiter oben gut aufgepasst haben.) Diese Frage differenzierte mit am besten zwischen denjenigen Studierenden, die im Klausurteil zur Pädagogischen Diagnostik insgesamt gut abgeschnitten hatten und denen, die keine so guten Leistungen erbracht hatten.

1. Intelligenz und Schulleistungen hängen zusammen

Klar könnte man jetzt sagen, das sind diejenigen, die ohnehin nicht so gut gelernt haben. Aber auch, wenn man es nicht genau weiß, hat man doch einen Grund dafür, die falsche (kein Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulleistungen) und nicht die richtige (positiver Zusammenhang) anzukreuzen. Einer ist vermutlich, dass es Menschen schwer fällt, wissenschaftliche Befunde und Alltagserfahrung überein zu bringen, wenn letztere der Statistik widerspricht ("aber mein Kind ist doch extrem intelligent und hat trotzdem schlechte Noten …" – O-Ton einer Mutter bei einem meiner ersten öffentlichen Vorträge zum Thema). Dabei lässt sich dieser Widerspruch ganz leicht auflösen, wenn man Einzelfall- und Gruppenebene sauber auseinander hält. Wenn ein Zusammenhang nicht perfekt ist, ergibt sich daraus automatisch, dass es "Ausreißer" nach oben und nach unten gibt, also Ausnahmen von der Regel. In unserem Beispiel wären das die Underachiever, die trotz hoher Intelligenz schlechte Noten bekommen (wie im Beispiel der Mutter im Vortrag), und diejenigen, die durch Fleiß noch einiges rocken und damit die Erwartungen, die man aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten haben würde, übertreffen.

Die Tendenz ist also positiv, und dieser Zusammenhang ist auch noch gut belegt, da beißt keine Maus den Faden ab. Und auch im Längsschnitt zeigt sich: Wer in der Schule intelligenter war, erreicht eher hohe Bildungsabschlüsse, findet bessere Jobs, verdient im Schnitt mehr und lebt überdies auch noch länger.[2] Im Hinblick auf Bildungserfolge läge es also nahe, sich diese wichtige Variable, auf der sich Menschen, auch die schulpflichtigen, unterscheiden, mal genauer anzuschauen, um Lernumgebungen so zu gestalten, dass sie zu dem jeweiligen Fähigkeitsniveau passt. Dass die Förderung, die ein durchschnittlich begabtes Kind in einer Schule für Kinder mit geistigen Behinderungen erfährt, eher suboptimal ist, um sein Potenzial vollständig zu entfalten, bezweifelt keiner; Hochbegabte, deren IQ den ihrer durchschnittlich begabten Mitschüler/innen in ähnlichem Ausmaß übersteigt, sollen hingegen genau dasselbe bekommen wie der "Durchschnittsschüler" (so es denn überhaupt so etwas gibt – im Zuge der aktuellen Heterogenitätsdebatte hätte man das Phänomen Hochbegabung im Grunde ja gleich mit abfrühstücken können, aber das ist noch mal eine ganz andere Geschichte).

2. Intelligenz ist suspekt

Und dennoch ist das Misstrauen gegenüber standardisierten IQ-Tests nach wie vor groß, obwohl sie wichtige Informationen liefern können, die der Lehrkraft verborgen bleiben. Warum ist das so? Ich vermute zwei Gründe: zum einen, dass Intelligenz als etwas hochgradig Stabiles und somit Unveränderliches gesehen wird, zum anderen, dass optimale Förderung zwangsläufig darin resultieren würde, dass die Unterschiede nach der Förderung größer wären als vorher – und das ist schwer zu akzeptieren.

2.1 Intelligenz ist stabil – aber durchaus mit Abstrichen

Zum ersten Punkt, der Stabilität von Intelligenz, ist zu sagen, dass diese zwar recht hoch, aber ebenfalls nicht perfekt ist. Stabilität macht man am gemessenen Testergebnis fest (etwas anderes haben wir ja nicht). Schwankungen können jedoch verschiedene Ursachen haben: (1) dass sich die tatsächliche Fähigkeit verändert hat, (2) dass die Fähigkeit zwar eigentlich gleich geblieben ist, aber der Test nicht genau genug misst, und (3) eine Kombination aus beidem.

Je jünger ein Kind bei der ersten Testung ist, desto weniger stabil ist das Ergebnis. Das liegt zum einen daran, dass Tests bei sehr kleinen Kindern noch stärker fehleranfällig sind als bei Erwachsenen; was der IQ sagt, hängt bei ihnen also noch nicht so stark mit der tatsächlichen Fähigkeit zusammen wie bei Erwachsenen. Kinder sind noch nicht so gut in der Lage, sich zusammenzureißen, wenn ihnen die Aufgabe gerade mal keinen Spaß macht; sie brauchen eine gute Beziehung zu der Person, die den Test durchführt, um zu zeigen, was tatsächlich in ihnen steckt. In Testhandbüchern wird auf diese Herausforderungen hingewiesen, und in der Tat stößt die Standardisierung hier ab und an auch mal an ihre Grenzen. Diese Messungenauigkeit führt dann dazu, dass das Ergebnis in einem späteren Test deutlich anders ausfallen kann – wenn ich bei einer Waage einen Toleranzbereich von +/- 1 Kilo habe, wären von der ersten zur zweiten Messung Schwankungen von 2 Kilo möglich, auch wenn sich das Gewicht nicht geändert hat. (Zum Kuchenbacken würde ich dieses Gerät nicht empfehlen.) Der Grund für die Schwankungen läge in dem Fall also im Messinstrument selbst begründet, das um so ungenauer misst, je jünger ein Kind ist: Trotz gleich gebliebener Fähigkeit können also unterschiedliche Testergebnisse herauskommen.[3]

Ein zweiter Aspekt der Stabilität liegt darin begründet, dass sich tatsächlich die Fähigkeit verändert. Menschen lernen (meistens zumindest) im Lauf ihres Lebens dazu, und günstige Bedingungen tragen zu einer positiven Intelligenzentwicklung bei. Der Schulbesuch steigert nachgewiesenermaßen den IQ.[4][5] Ein intellektuell stimulierendes und in angemessenem Maße forderndes Umfeld tut jedem Kind gut; aber leider hat nicht jedes Kind dieses Glück.[6] Missverstanden wird in diesem Zusammenhang gerne auch die Tatsache, dass Intelligenz eine starke genetische Komponente hat.[7] Viele Menschen interpretieren "genetisch" als "deterministisch und unveränderbar", und das stimmt so nicht. Auch für Gene gilt die hessische Weisheit "'S muss basse" – Gene entfalten ihre Wirkung nämlich keineswegs automatisch, sondern nur dann, wenn die Umweltbedingungen dies auch ermöglichen.

Ein Beispiel: Nehmen wir zwei Pflanzen, von denen die eine genetisch so ausgestattet ist, dass sie normalerweise größer und schöner wird als die andere. Jene hat nun das Pech, bei Frau Baudson im Büro zu landen, die nun nicht eben für ihren grünen Daumen berühmt ist; sie erhält gelegentlich einen Schluck kalt gewordenen Kaffee und erlebt ansonsten lange Dürreperioden, die von seltenen, dann aber reichlichen Wasserspenden unterbrochen werden. Die genetisch eigentlich nicht so vorteilhaft ausgestattete Pflanze landet dagegen bei einem Kollegen, der sich rührend um sie kümmert, ihr Mozart vorspielt und sie gelegentlich mit Blumenduschen und Düngestäbchen erfreut. Das Ergebnis: Die "guten Gene" bringen Frau Baudsons Pflanze herzlich wenig, denn am Ende ist die liebevoll umhegte Pflanze des Kollegen viel größer und schöner geworden, und Frau Baudson hat nicht nur eine hässliche und mickrige Pflanze mit schütterem Blattwerk, sondern auch noch ein schlechtes Gewissen. (Ein weiterer Grund, weshalb ich es bevorzuge, wenn man mir Schokolade, Wein oder andere Leckereien und kein Grünzeug schenkt.)

Umwelt und Gene beeinflussen sich gegenseitig: Die Umwelt kann begünstigen oder verhindern, dass sich der Einfluss eines Gens im Phänotyp manifestiert, und kann sogar das Genmaterial selbst verändern. Umgekehrt beeinflussen die Gene, welche Umwelten man sich aussucht. Es gibt also ganz massive Wechselwirkungen – so deterministisch ist das Ganze keineswegs! Die genetische Basisausstattung stellt also immer eine Chance dar, und je nach Bedingungen kann sie sich besser oder schlechter entfalten. Was am Ende herauskommt, rangiert dann irgendwo zwischen der best- und der schlechtestmöglichen Realisierung des Potenzials.

2.2 Optimale Förderung: eine Verschlimmbesserung?

Stellen wir uns vor, alle Kinder werden optimal gefördert, und ihre Intelligenz wird dabei berücksichtigt. Nun ist es aber so, dass intelligentere Kinder schneller lernen: Ihr Datendurchsatz ist höher, sie können mehr Informationen in derselben Zeit verarbeiten. Das bedeutet auch, dass sie mehr Wissen anhäufen; und mehr Wissen bedeutet wiederum mehr Anknüpfungspunkte für neue Informationen. Mit anderen Worten: Die Lernkurve ist bei höherer Startintelligenz steiler.

Das lässt sich mit der sogenannten "Investmenttheorie" erklären, die davon ausgeht, dass man mit einem gewissen Niveau "fluider Intelligenz" geboren wird (dazu gehören Fähigkeiten wie logische Schlüsse zu ziehen oder Analogien zu erkennen), das einem sozusagen als Startkapital in die Wiege gelegt wird. Dieses kann man dann in den Erwerb "kristalliner Intelligenz" investieren (darunter fällt beispielsweise neues Wissen) – daher rührt der Name der Theorie. Auch, wenn jeder also optimal investiert, ist die Diskrepanz am Ende größer als vorher.

Für viele ist dieses Phänomen, das auch unter dem Namen "Matthäuseffekt" in die Literatur eingegangen ist[6], ein Problem. Denn sollte das Bildungssystem nicht bestrebt sein, Nachteile auszugleichen?

Die Frage impliziert meiner Ansicht nach eine falsche Bezugsnorm. Denn der Sinn von Bildung besteht ja nicht darin, eine möglichst homogene Gruppe zu schaffen, damit sich keiner im Vergleich zum anderen schlecht fühlt. Im Gegenteil halte ich den sozialen Vergleich für einen ziemlich sicheren Weg, um sich unglücklich zu machen. Der soziale Vergleich ist niemals frei, weil er immer einen Gegenspieler braucht. Um herauszufinden, was tatsächlich in einem steckt, sollte man eher die eigene Entwicklung kritisch betrachten und überprüfen, ob man tatsächlich alles dafür tut, seine Ziele zu erreichen (wie auch immer diese aussehen mögen). Ob das letztlich klappt, ist natürlich zumindest teilweise auch vom Zufall abhängig – aber den Faktor des "unberechenbaren Dritten", des Vergleichspartners mit seinen eigenen Zielen und Agenden, hat man zumindest schon mal raus aus der Gleichung.

Auf Kinder bezogen, obläge diese Verantwortung den Erwachsenen: das "wahre Selbst" des Kindes zu identifizieren und ihm dabei zu helfen, so zu werden, wie es sein will – ein pädagogischer Michelangeloeffekt, wenn man so will.[7] Und das ganz unabhängig von anderen Kindern. "Was andere machen, ist für uns kein Maßstab!" – hier fände dieser Satz, der sonst ja eher verwendet wird, um Möglichkeiten einzuschränken und Dinge zu verbieten, endlich mal eine pädagogisch sinnvolle Anwendung.

3. Intelligenz: ein Angriff auf das pädagogische Ethos?

Für Pädagogen ist Intelligenz also doppelt unsympathisch. Zum einen wird sie (wie wir gesehen haben, zu Unrecht) als unveränderlich wahrgenommen – allein schon das steht dem pädagogischen Impetus, etwas zum Positiven verändern zu wollen, diametral entgegen. Zum anderen verschärft ihre konsequente Förderung vorhandene Ungerechtigkeiten – das widerspricht dem pädagogischen Ehrgeiz, Nachteile auszugleichen, indem man diejenigen besonders unterstützt, die eine Förderung am meisten brauchen.

Dass Intelligenz keineswegs unveränderlich ist, sondern man als Lehrkraft durch Schaffung intellektuell anspruchsvoller Lernkontexte sehr zu ihrer Steigerung beitragen kann, ist vermutlich deutlich geworden, ebenso, dass man Testergebnisse (insbesondere im sehr jungen Alter) eher als eine Momentaufnahme denn als auf ewig in Stein gemeißeltes Schicksal sehen sollte. Das sollte Lehrkräfte freuen, weil es im Grunde ja im Einklang mit ihren pädagogischen Überzeugungen steht, etwas zum Besseren verändern zu wollen. Die recht klaren Befunde zur individuellen Veränderbarkeit von Intelligenz könnten dazu beitragen, dass Lehrkräfte sich weniger machtlos gegenüber diesem (zweifelsohne wichtigen) Konstrukt fühlen, weil sie selbst etwas tun können. Ein Testergebnis kann ihnen bei der Einschätzung helfen, welches Anforderungsniveau angemessen ist und so bestmöglich zur kindlichen Entwicklung beiträgt. Intelligenztests sollen das Lehrerurteil also nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen; wenn die Einschätzungen voneinander abweichen, sollte das Kriterium stets sein, was entwicklungsförderlicher ist. Denn sowohl Lehrkräfte als auch Tests können das Potenzial eines Kindes unterschätzen (und manchmal auch beide – das ist dann noch mal ein Kapitel für sich).

Der zweite Punkt geht meines Erachtens von einer falschen Prämisse aus – nämlich der, dass Kinder zum einen "unterschiedlich viel" Förderung brauchen und diese deshalb – das ist dann der Trugschluss – in unterschiedlichem Maße "verdienen". Ersteres ist nur scheinbar so; jedes Kind braucht Förderung, aber manche passen einfach besser in ein System, das sich aus Effizienzgründen am Durchschnitt ausrichtet. Diese Kinder bekommen also nicht weniger Förderung, sondern das Standardprogramm, mit dem sie gut klarkommen. Das "Mehr" an Förderung ergibt sich aus der zusätzlichen Arbeit, die man mit denjenigen außerhalb des Mittelfeldes hat. Aber auch die Konzeption des Standardprogramms hat ja einiges an Hirnschmalz gekostet, war also Arbeit. Ich denke, der Glaube, dass weniger Begabte eine Förderung mehr verdienen, ist als direkte Gegenbewegung zu der alten, letztlich auf Galton und die Eugenik zurückzuführenden Auffassung, der Wert eines Menschen bemesse sich an seinen kognitiven Fähigkeiten, zu verstehen. Beides impliziert eine Wertigkeit des Kindes – nur einmal sind diejenigen am oberen, einmal die am unteren Ende der Intelligenzverteilung einer Förderung würdiger.

Ich denke, dass viele dem zustimmen würden, dass Intelligenz nur eins von vielen Merkmalen ist, die ein Individuum ausmachen, und dass sie kein Kriterium für den Wert eines Menschen sein sollte. Entsprechend sollte die Förderung für jedes Kind unter dem Aspekt der individuellen Passung erfolgen; und Intelligenztests sind ein großartiges und äußerst nützliches diagnostisches Hilfsmittel, um diese Passung herzustellen. Haben Sie also keine Angst davor.

Fußnoten:

[1] Roth, B., Becker, N., Romeyke, S., Schäfer, S., Domnick, F., & Spinath, F. M. (2015). Intelligence and school grades: A meta-analysis. Intelligence, 53, 118–137.
[2] Wer sich für die Vorhersagekraft von Intelligenz über die Lebensspanne interessiert, kann sich die Ergebnisse der Scottish Mental Survey anschauen – hier waren alle schottischen Kinder einer Jahrgangsstufe getestet worden, die am Tag der Testung in der Schule waren (diese Untersuchungen gab es 1932 und 1947). Der Längsschnitt umfasst über 60 Jahre. Ähnlich interessant sind die Befunde aus der Luxemburger MAGRIP-Studie (dieses fabelhafte Akronym steht für "Matière grise perdue", also "verlorene graue Materie"), die immerhin vier Jahrzehnte umspannt.
[3] Erschwerend kommt noch hinzu, dass Intelligenztests unterschiedliche Aspekte kognitiver Fähigkeit erfassen – auch wenn die mit zwei unterschiedlichen Intelligenztests erzielten Ergebnisse ähnlich ausfallen sollten, sind durchaus einige Schwankungen möglich. Auch deshalb werden zur Hochbegabungsdiagnostik Intelligenzstrukturtests empfohlen, die eine große Bandbreite kognitiver Fähigkeiten erfassen und somit eine realistischere Abschätzung der tatsächlichen Fähigkeit erlauben, eben weil die Gefahr, nur eine bereichsspezifische Stärke oder Schwäche zu erwischen, bei einem breiter angelegten Verfahren geringer ist.
[4] Ceci, S. J. (1991). How much does schooling influence general intelligence and its cognitive components? A reassessment of the evidence. Developmental Psychology, 27, 703–722.
[5] Brinch, C. N., & Galloway, T. A. (2012). Schooling in adolescence raises IQ scores. PNAS, 109, 425–430. http://www.pnas.org/content/109/2/425.full.pdf
[6] Aus diesem Grund sind auch Studien, die beispielsweise die Intelligenz zwischen Nationalitäten vergleichen, nicht fair: Ein Kind in einem Entwicklungsland, das weder das intellektuelle noch das physische Futter zur optimalen Gehirnentwicklung erhält, hat schlechtere Entwicklungsbedingungen, sodass vermutlich unglaublich viel Potenzial schlichtweg verloren geht. Daraus zu schließen, dass die Kinder in dem besagten Entwicklungsland dümmer wären, ist m. E. voreilig, um nicht zu sagen fahrlässig. Von der Frage, welche Aufgaben Intelligenz in unterschiedlichen Kulturen optimal messen, mal ganz abgesehen – dazu hat Robert Sternberg sich schon 1990 ausgelassen.
[5] Denjenigen, die sich für dieses Thema interessieren, sei das Buch "Erblichkeit der Intelligenz – eine Klarstellung aus biologischer Sicht" von Karl-Friedrich Fischbach und Martin Niggeschmidt ans Herz gelegt, das auf knapp 30 Seiten kurz und knackig darüber informiert. Ein Rezensionsexemplar habe ich zwar kostenlos erhalten, würde es aber nicht empfehlen, wenn ich es nicht gut fände.
[6] Im Matthäusevangelium gibt es den Satz "Wer da hat, dem wird gegeben", der den Tatbestand recht gut zusammenfasst.
[7] Hierzu habe ich mich schon mal im MinD-Mag vom Oktober 2014 ausgelassen; den Artikel gibt es (neben vielen anderen) hier: https://www.uni-due.de/dia/popular.php – Der Michelangelo-Effekt beschreibt in Paarbeziehungen das Phänomen, dass sich beide Partner gegenseitig darin unterstützen, so zu werden, wie sie sein wollen; hier gibt es ein Paper dazu. Eine Übertragbarkeit auf pädagogische Beziehungen scheint mir plausibel; erste qualitative Voruntersuchungen nimmt aktuell eine Studentin von mir in ihrer Bachelorarbeit vor, ich bin gespannt!
[8] Diese Fußnote sollte eigentlich Nr. 7 sein, hatte mich wohl verzählt ;-) Danke für den Hinweis.

36 Gedanken zu „Intelligenz: das unsympathische Merkmal

  1. von Kuchenfreund

    Größere Kuchen!

    "… wenn ich bei einer Waage einen Toleranzbereich von +/- 1 Kilo habe, wären von der ersten zur zweiten Messung Schwankungen von 2 Kilo möglich, auch wenn sich das Gewicht nicht geändert hat. (Zum Kuchenbacken würde ich dieses Gerät nicht empfehlen.) "

    Sie müssen größere Kuchen backen, dann macht das nichts mehr aus. :-)

    Die "[8]" kommt noch, oder?

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      You got me at "größere Kuchen" :D Danke auch für den Hinweis mit der Fußnotenzählung, hab's repariert.

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  2. von r. bonk

    tl;dr;

    "Dennoch trifft sie in unserem Bildungssystem vielfach auf Misstrauen und Antipathie. Warum eigentlich?"

    Weil sie, als pures "Leistungskriterium", zu nichts taugt. Bestünde die gewünschte Leistung darin, erfolgreich an einer besseren, gerechteren Welt zu arbeiten, hätte die angeblich so schön testbare Intelligenz sicher einen hohen Stellenwert. So ist es aber nicht. "Intelligenz" hat sich stattdessen wohlfeil in Effizienz zu erschöpfen, damit absurderweise etwas ständig wachse, dessen kein intelligenter Mensch Bedarf.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Dass sie "nichts taugt", würde ich nicht sagen; wohl aber, dass sie ihr Potenzial nicht entfaltet.
      Die bessere, gerechtere Welt hatten ja die zwei "Erfinder" des Hochbegabtenvereins Mensa nach dem 2. Weltkrieg vor Augen: Die intelligentesten Menschen sollten ihre Fähigkeiten dafür einsetzen, dass so etwas nie wieder passiert. Damit das gelingt, müsste aus meiner Sicht allerdings eine wichtige Voraussetzung erfüllt sein: nämlich die, dass die Intelligentesten sich auch für diese Welt einsetzen wollen. Dem stehen zwei Punkte entgegen. Der erste ist, dass die gesellschaftliche Definition von "Erfolg" sehr stark individualistisch ausgerichtet ist – aus Sicht des pragmatischen begabten Menschen, der erfolgreich sein will, ist es also sinnvoll, seine Energie doch lieber in etwas zu investieren, was anerkannt wird, wo man nicht am Ende noch als "Gutmensch" beschimpft werden etc. (so manche Stipendiatenforen eröffnen da echte Abgründe). Der zweite Punkt ist, dass die Gesellschaft es aus Sicht des begabten Menschen wert sein muss, dass man sich für sie engagiert. Hat dieser allerdings im Lauf seines Lebens eher die Erfahrung gemacht, dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden (z. B. Lernbedürfnisse) oder man ein zentrales Merkmal seiner Person (die hohe Intelligenz) vielleicht sogar ablehnt, ist es irgendwie nachvollziehbar, wenn er dazu keine Lust hat. Hier muss das Bildungssystem aus meiner Sicht in Vorleistung treten, um diese Motivation ("ich habe von der Gesellschaft viel bekommen – jetzt will ich auch etwas zurückgeben") überhaupt erst entstehen zu lassen; aber das ist durchaus noch ausbaufähig.

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  3. von Martin Holzherr

    Intelligenzunterschiede akzeptieren

    Es kann nicht sein, was nicht sein darf ist eine Erklärung für die fehlende Azeptanz von hohen Begabungen. Hohe Begabungen im intellektuellen Bereich. wohlgemerkt, denn gegen sportlich oder musisch Begabte haben nur wenige etwas einzuwenden.
    Es gibt sogar Akademiker, die Hochbegabung wegerklären wollen (Zitat):

    Es wird von Kritikern oft darauf hingewiesen, dass es sich bei Hochbegabung wie auch bei Intelligenz um ein Konstrukt handle, das über Operationalisierungen erschlossen werde. Damit stellt sich die Frage, ob es sich bei Hochbegabung nicht vielmehr nur um ein Artefakt handelt, das nichts außer einer statistischen Erscheinung darstellt, die sich aus der Annahme ergibt, Intelligenz sei normal verteilt, und in der Realität nicht existiert.

    Die statistische Betrachtung stimmt sogar, denn auch Hochgewachsene sind nichts anderes als "Ausreisser". Nur heisst das nicht, dass sich daraus keine Konsequenzen ergeben. Sogar für Hochgewachsene gibt es Konsequenzen: Sie müssen an vielen Orten den Kopf einziehen.

    Hochbegabung verstösst bei vielen auch gegen das Gerechtigkeitsgefühl und gegen die Idee, dass alle die gleichen Chancen haben. So erklären sich folgende Aussagen:

    Das Konstrukt Hochbegabung wurde von einigen prominenten Soziologen, so zum Beispiel Pierre Bourdieu als klassistisch kritisiert, da es Kinder aus den Mittel- und Oberschichten bevorzuge. Die Bedingungen, unter denen ärmere Kinder aufwüchsen, ließen eine ebenbürtige Intelligenzentwicklung gar nicht zu. Der Diskurs des weniger gut messbaren Werts der Begabung bzw. der Hochbegabung, ist nach Bourdieu als Legitimationswissenschaft der „herrschenden Klasse“ zu sehen. Bourdieu rät dazu, sich auf das Problem der biologischen Grundlagen von Intelligenz erst gar nicht einzulassen, sondern dem Problem nachzugehen, welches die sozialen Bedingungen für das Auftreten einer solchen Fragestellung sind und den damit einhergehenden „Rassismus der Intelligenz“ bzw. „Klassenrassismus“ zu untersuchen.

    Eulen nach Athen tragen kann ein Gefühl sein, das bei Pädagoginnen aufkommt, wenn sie bemerken, dass eine Schülerin immer schon alles weiss oder schnell kapiert. Wozu bin ich dann noch da, wird der Lehrer vielleicht denken. Oder gar: Ist diese Schülerin mir etwa überlegen? Stellt sie schon bald meine Autorität in Frage?

    Der pragmatische Ansatz besteht darin, angstlos zu akzeptieren, dass es Begabungsunterschiede gibt - und zwar in allen Bereichen. Dies ist aber nur der erste Schritt. Der zweite besteht darin, dass die Pädagogin, der Lehrer weiss oder sich kundig macht, wie man mit diesen Unterschieden umgeht. Dazu braucht es Fachwissen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, damit umgehen zu können. Schliesslich muss die Lehrerin sich auch in jeden Schüler, jede Schülerin einfühlen und ihre Bedürfnisse erkennen können - und das nicht nur bei den Problemfällen, sondern auch bei denen, wo alles scheinbar von selbst läuft.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Zu den sportlichen und musischen Begabungen gibt es sogar evolutionspsychologische Untersuchungen (Geake & Gross, 2008, in Gifted Child Quarterly) – das sind Begabungen, die der Gruppe unmittelbar nützen, während Leute mit insbesondere hohen sprachlichen Begabungen das Potenzial haben, eine Gruppe zu sprengen.

      Der Vorwurf der Kritiker ist berechtigt; die Diskussion finden Sie 1:1 bei der Diskussion des g-Faktors, von dessen statistischer Nachweisbarkeit man ja nicht auf seine Existenz schließen kann. Die Frage ist aber, wenn wir es schon nicht entscheiden können, welche Annahme nützlicher ist – dass es Hochbegabung gibt oder dass es sie nicht gibt. Das Thema treibt mich gerade auch in meiner Forschung um; meine Vermutung ist, dass der kontinuierlichen Sicht von Hochbegabung (als hoher Intelligenz), die in der Wissenschaft, der diagnostischen Praxis etc. vorherrscht, eine eher kategoriale Sichtweise aus Laienperspektive entgegensteht, die "Hochbegabte" als eigene Art Mensch konzipieren (im Gegensatz zu den "Normalos") und ihnen entsprechend auch Eigenschaften zuschreiben, die mit der Begabung eigentlich nichts zu tun haben. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wie es damit weitergeht :)

      Klassistisch ist schon der IQ selbst. Man muss die Ursprünge der Intelligenzforschung, denke ich, auch aus der individuellen Motivation sehen, dass man ja nicht etwas propagiert, wo man selbst schlecht dastehen würde ;) Und das kann dann natürlich zur Legitimation von Missständen missbraucht werden. Ich bin großer Fan von Bourdieu (hatte sogar in jungen Jahren mal das Vergnügen, ihn live zu erleben); aber ich denke, das sind zwei verschiedene Fragestellungen. Innerhalb unseres Kontextes ist Hochbegabung ja durchaus ein nützliches Konstrukt (und sei es auch nur, um den besonderen Förderbedarf der Hochbegabten für den Laien fassbarer zu machen – Stichwort kategoriale Sichtweise). Man darf sie eben nur nicht als "abgeschlossenes" Konstrukt begreifen, sondern muss als erstes klären, was hohe Begabung/Hochbegabung in verschiedenen Kontexten inhaltlich bedeutet. Eine Ausdifferenzierung erscheint mir aus pragmatischer Sicht sinnvoller als die komplette Abschaffung des Konstrukts, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass das Kategorisieren und Typisieren irgendwie im Menschen drin zu sein scheint ;) Bei den Konsequenzen aus diesem bin ich ganz bei Ihnen.

      Antworten
  4. von uta

    Dr.

    Vielen Dank für den sehr interessanten Artikel. Wir haben das "Problem", dass unser Sohn (kürzlich 15 geworden) mit einem Gesamt-IQ von 145 in seinem Potenzial von den Lehrern seiner Schule überhaupt nicht wahrgenommen wird. Die Schule stellt sich bei der Bitte des ICBF, das ihn kürzlich getestet hat, leider quer und möchte sich auf keine individuellen Förderangebote einlassen - wohl aus Bequemlichkeit. Weit entfernt davon, sich auf eine Kooperation einzulassen, zweifelte die Schulleitung sogar sofort nach Vorlage des Ergebnisses die Seriosität des ICBF an und sagte, dass sie solche "Hochbegabte bevorzuge, die keine individuelle Förderung außerhalb des normalen Curriculums benötigen oder wünschen. Nur eine Lehrerin, die früher einmal eine ECHA-Ausbildung absolviert hat, unterstützte unseren Sohn und erhielt ebenfalls Gegenwind von der Schulleitung und dem Gros der Kollegen. Uns wird als Eltern der Kontakt zu den einzelnen Lehrern sogar rigoros verboten, so dass wir überhaupt keine Kooperationsmöglichkeit und auch keine Möglichkeit der Information bzgl. der vielseitigen Begabungen unseres Sohnes haben etc.
    Jetzt wurde vom ICBF der Besuch eines Hochbegabteninternats vorgeschlagen, das unseren Sohn auch gern aufnehmen möchte. Jedoch scheitert das an den Finanzen, da ich als Mutter aufgrund einer Erkrankung seit längerer Zeit nicht mitarbeiten kann.
    Unser Sohn ist jahrelang von einigen Mitschülern, die seine Intelligenz sehr wohl wahrgenommen haben, verbal durch massive Bedrohungen (wenn er sehr gute Antworten gab und Vorträge in der Schule hielt) und auch durch körperliche Angriffe gemobbt und angegriffen worden, ohne dass die Schule entsprechend adäquat reagiert hätte. Wir haben leider genau die in Ihrem Artikel beschriebene Erfahrung einer - krassen - Antipahtie und Voreingenommenheit machen müssen.
    Unser Sohn bräuchte zur Entfaltung eines fundierten Selbstvertrauens und Selbstbewussteins unbedingt schnell den angedachten Schulwechsel auf ein Hochbegabteninternat. Darum jetzt unsere Frage: Welche Schülerstipendien gibt es, auf die er sich jetzt aktuell bewerben könnte?

    Wir freuen uns auf Ihre Antwort und danken Ihnen herzlich für den sehr hilfreichen Artikel.

    uta

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Vielen Dank, freut mich, wenn der Artikel hilfreich ist! Ich hoffe, mein Kommentar ist es auch ;) Ein paar Ideen:

      Und möglicherweise gibt es auch Alternativen zu Begabteninternaten, etwa ein Schulwechsel in Kombination mit anderen Begabtenfördermaßnahmen (ich liste hier mal ein paar Beispiele (Sie sind aus NRW, wenn ich ICBF lese?), bei Suchmaschinen wie dem Stipendienlotsen oder der Stipendiendatenbank von e-fellows.net o.ä. finden Sie vermutlich noch mehr):

      Hier gibt es auch noch einen Spiegel-Artikel, der verschiedene Fördermöglichkeiten für Schüler/innen aufzeigt. Und der bildungsdoc lässt sich auch darüber aus.

      Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute!

      Antworten
  5. von Jean Heathrow

    Difficulties in Everyday School Contexts

    It is often difficult in an everyday school context to be accepted fully with your creative potential. High giftedness is not a very frequent phenomenon and usually children who are different from the mainstream in any way are segregated against in one way or another. I would be happy to receive some advice how I can deal with the mistrust and rejection my child has to face as well.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Indeed – and I think creative children represent a particular challenge to teachers! The very nature of creativity (having many ideas, deviating from the planned trajectories, finding alternatives) runs counter to teachers' efforts to plan their lessons well. The current movement towards integration in the German educational system is basically a good idea to prevent segregation; but up to now, teachers are insufficiently prepared for this challenge.

      It's not easy to give some sound advice without knowing the child; but I'd propose to minimize the use of the term "gifted" (hochbegabt) when talking to people. Many people hold unjustified stereotypical views of the gifted as socially or emotionally inferior, which are triggered by the term alone. I'd rather try to describe the child's behaviors that are indicative of his/her high intelligence, such as "s/he understands things quickly," "s/he is interested in many things," etc. I think it is also important to signal the teacher that both of you are on the same side. Just as often as teachers fail to recognize that this one out of 30 kids is of special importance to his/her parents, parents also fail to recognize that teachers also face many challenges when dealing with the 30 "special snowflakes" in their classroom ;)

      Also, I think it is important not to be overprotective and to save your child from all things dull and unpleasant. Some things just have to be done although they are no fun, the world doesn't work exempt gifted people from these tasks. ("Dear tax bureau, I am gifted and hate doing these stupid computations, and have therefore decided that I am not going to hand in my tax declaration." ;) ) A friend of mine, who is also working with gifted children and their parents, came up with the great idea that one can explain to the kid that every situation provides learning opportunities. He had the example that when a child has to do the same calculations over and over (3 * 8 = ?, 3 * 2 = ?, etc.), s/he can also use this unpleasant situation to learn something completely different, e.g., improve his/her handwriting, trying to fit the numbers nicely into the boxes, etc. (He says that he himself has a terrible handwriting, maybe that's how he came up with the example ;) – but you get the idea.) Does this sound useful?

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  6. von Sascha

    Liest sich gut

    Gerade dieses hören wir immer wieder in der Beratung. Ich denke, gerade der Ansatz unsere günftigen Lehrkräfte gezielt im Studium auf ganze Breite vorzubereiten macht Sinn und würde allen helfen.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Definitiv. Und zwar nicht nur den Kindern und Lehrkräften, sondern vermutlich auch den Eltern, die dadurch weniger Stress hätten ;)

      Antworten
  7. von Benjamin Gann

    Und warum "unsympathisch"?

    Ich glaube, weil Sie halbe Sachen machen. Hochbegabung ist für Kinder und Jugendliche. Besondere Fähigkeiten von Erwachsenen sollen sich an Höchstleitungen zeigen, wer sich dann noch wegen seines IQ als "hochbegabt" bezeichnet (unglückliche Wortwahl für einen Terminus technicus, schon im allgemeinen Sprachgebrauch besetzt, viele Assoziationen weckend - als wollte man mit dem Vanillin die Vanille verdrängen), macht sich tendenziell lächerlich. Konsequent wäre, wenn Hochbegabungsforscher den besonderen Status Hochbegabter auch dann verteidigten, wenn es sich um erfolglose Erwachsene handelt. Obwohl "Hochbegabung" also für Kinder ist, macht sie sich auch hier weder beliebt noch unentbehrlich: Die Hürde für Status und Erfolg als Erwachsener sind schulische und akademische Bildung. Will die Intelligenzforschung ernst genommen werden, kann sie schwerlich wichtige kognitiven Fähigkeiten definieren, die nicht mit akademischem Erfolg zusammenhängen. Wer soll sich da noch zusätzlich für "Hochbegabung" interessieren? Überall Wettbewerb und ein kleiner Bruchteil der Eltern möchte noch Sonderkonditionen wegen Hochbegabung.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Ich? Halbe Sachen?! Pah! ;)

      Genau das zeigt aber, wie wichtig es ist, vorher zu definieren, was man genau mit den Begrifflichkeiten meint. Es gibt viele Definitionen von Hochbegabung, die aber eben nicht von ihrem Zweck getrennt werden können. Je nachdem, worauf ich abziele, habe ich verschiedene Aspekte im Fokus – und das kann durchaus so aussehen, dass man auch bei Erwachsenen noch nach dem Potenzial schaut, wenn die Möglichkeiten, dieses umzusetzen, noch nicht gegeben waren. Insofern würde ich "Hochbegabung" auch nicht für Kinder reservieren; dass sich die Forschung darauf konzentriert, hat auch pragmatische Gründe (in der Schule hat man noch alle unter vergleichbaren Bedingungen zusammen und kann deshalb leichter Tests o.ä. durchführen).

      Und das Definitionsproblem geht beim Erfolg weiter. Ich fände es sinnvoll, diesen weniger im Sinne von "Höher – schneller – weiter – mächtiger – reicher – geiler" zu fassen, sondern ebenfalls unter dem Aspekt der Passung zu definieren – Erfolg ist, wenn man es geschafft hat, glücklich zu werden mit dem, was man ist, und dem, was die Umwelt von einem verlangt. (Erreichen kann man das auf verschiedenen Wegen – Auswahl und/oder Veränderung der Umwelt einerseits oder auch Anpassung an die Umwelt.) Und dass das kein stabiler Zustand ist, sondern permament neu verhandelt werden muss, macht eine Definition natürlich nicht leichter; ich halte diesen Ansatz aber durchaus für sinnvoll.

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  8. von Benjamin Gann

    Eigentlich hat "Hochbegabung" viel Potenzial

    Abgesehen von Eltern, für die das Vorne-Mitschwimmen-in-der-Leistungsgesellschaft ihrer Kinder pressiert, ist Intelligenz eine hochzuschätzende gesellschaftliche Ressource - und viele wichtige Aufgaben brauchen hohe Intelligenz. Also möchte ich eigentlich sagen: Intelligenzforschung vor! Messt! Fordert!
    Trotzdem einige Kritikpunkte (ich bin nicht vom Fach, mag also nicht immer gerechtfertigt sein):

    1. Büropflanze. Dass Pflanze A in Umwelt 1 besser gedeiht als Pflanze B, heisst nicht, dass es in Umwelt 2, 3, 4 ... genauso ist. Man darf nicht auf ein allgemein und umweltunabhängig höheres Potenzial schließen. Das Gegenteil ist plausibler, da Genvarianten Anpassungsmöglichkeiten darstellen, die unter wechselnden Umweltbedingungen evolvierten. Der Umwelteinfluss ist gravierender als das Beispiel der Büropflanze suggeriert.

    2. Frank M. Spinath stellt bei Kindern von Eltern mit einem niedrigen sozioökonomischen Status einen geringen Erblichkeitswert für Intelligenz fest, im Gegensatz zu der Gruppe, deren Eltern einen hohen sozioökonomischen Status haben. Das heisst, dass bei ersteren der IQ das Potenzial nicht zuverlässig widerspiegelt. Wird das berücksichtigt?

    3. Mich beunruhigt, dass Richard Feynman als Teenager "nicht hochbegabt" getestet wurde, wenn auch knapp. Der IQ-Durchschnitt für Mathe-Studenten beträgt an US-Unis heute 130. Und da ist noch der Flynn-Effekt, Feynmans Testleistung würde heute deutlich schlechter aussehen. Und die umweltbedingten Entwicklungsmöglichkeiten, die der Flynn-Effekt zeigt, führen wieder zu Punkt 1. oben: Die Hochbegabten von früher, wären es heute vielleicht nicht (Personen mit demselben Genotyp) - und umgekehrt.

    4. Die Rolle von Wissen ist mir nicht ganz klar. Warum wird man nicht immer intelligenter, obwohl man immer mehr Wissen ansammelt? Schwindende fluide Intelligenz, nachlassendes Arbeitsgedächtnis oder Rechengeschwindigkeit? Bei Kindern ist das Problem auch, dass manche Eltern mehr Wert auf Wissensvermittlung legen als andere. Das erschwert doch, ihr genetisch bedingtes Potenzial mit IQ-Tests zu erfassen (siehe Punkt 2.)?

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Danke für Ihre nette Ermutigung, das freut mich :)
      Ja, bei Punkt 1 war das Ganze im Sinne des Darwin'schen Fitnessbegriffs gemeint, der ja entgegen der verbreiteten Fehlauffassung nicht ein "Überleben des Stärkeren", sondern eine "Überleben desjenigen, der am besten in die Umwelt passt" meint (oder dessen Merkmale zumindest keine größeren Nachteile darstellen) – Sie merken, ich habe es mit der Passung. Eine andere Umwelt passt möglicherweise besser für die zweite Pflanze – es gibt ja dieses klassische Beispiel mit den dunklen Motten in den englischen Industriegebieten, die dann auf einmal einen Vorteil hatten, weil man sie auf den verrußten Hauswänden nicht mehr sah. Also, gemeint war das unter der Annahme, dass es sich um eine passende Umgebung handelt – merci für den Hinweis :)

      Zu Punkt 2: Ja, ich würde die Ergebnisse in der Tat so interpretieren, dass Kinder mit niedrigem SozÖk ihr Potenzial nicht auf die Straße bringen können. Auch das ein Hinweis darauf, dass die Definition und die darauf basierende Messung durchaus klassistisch ist, vgl. die Kommentare zu Bourdieu von Martin Holzherr weiter unten. Ich denke, mehr qualitative Forschung, auch hier unter dem Aspekt der Passung – was bedeuten "Begabung", "Erfolg" etc. in unterschiedlichen Populationen? –, würde uns da weiterbringen (und in einer immer heterogeneren Gesellschaft ist es auch nötig, unser Verständnis von Begabung und Hochbegabung zu überarbeiten und teilweise vielleicht sogar zu revidieren).

      Ein Testergebnis (Punkt 3) kann ja von verschiedenen Faktoren abhängen. Vielleicht hatte Feynman auch einfach keine Lust und kokettiert ein bisschen mit dem Ergebnis ;) , vielleicht war es einfach nicht seine Art Informationsverarbeitung (vgl. den Kommentar von Trice weiter unten), es gibt eine ganze Reihe von Erklärungen. Was den Flynn-Effekt angeht: Auch hier kommen wir wieder zur Passung zurück – denn der IQ-Test wird ja auch deshalb neu normiert, weil diese nicht mehr gegeben ist und die Tests zu leicht werden. (Bestimmte Aufgaben aus alten Tests würden Menschen heute u.U. auch gar nicht mehr verstehen – z.B. Wissen aus der Landwirtschaft haben heute wohl nur noch die wenigsten. Kommentare zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kartoffeln bitte verkneifen.)

      Und auch bei Punkt 4 findet man wieder das Definitionsproblem – und, damit zusammenhängend, die Art, wie kristalline Intelligenz in IQ-Tests überhaupt erfasst wird, nämlich eher als deklaratives Wissen und weniger als "Know-how", was im Alltag ja oft wichtiger ist. Bei Kindern versucht man entsprechend, sich mehr auf die fluide Intelligenz zu kaprizieren, um das Potenzial zu erfassen (die fluide Intelligenz sinkt erst so ab ca. 20 Jahre). Wir haben über die Investmenttheorie den Pfad von der fluiden Intelligenz (intellektuelles Potenzial, Startkapital) zur kristallinen (umgesetztes Potenzial, Zinsen), aber umgekehrt wurde das meines Wissens noch nicht beforscht. Ich denke, hier könnten die eher kognitiv orientierten Intelligenztheorien (im Gegensatz zu den psychometrischen) noch sehr nützlich werden, die ja auf der Prozessebene ansetzen.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Super, vielen Dank :)

      Antworten
  9. von Benjamin Gann

    Ungewisse Potenziale

    Jedem die für sein Gedeihen passenden Bedingungen zu schaffen wäre natürlich ideal. Man betrachte noch einmal zwei Pflanzen, A und B: Unter fast allen Umweltbedingungen wird A deutlich größer und schöner als B, nur in den für A und B jeweils besten (Umwelt X für A und Umwelt Y für B) ist es andersherum. Welche hat das höhere Potenzial, die besseren Gene, ist "normalerweise" größer und schöner? Ich meine, B hat das höhere Potenzial (obwohl sie nicht "normalerweise" größer wird und auch nicht die "besseren" Gene hat).

    Die niedrige Erblichkeit des IQ (Anteil der genetischen Varianz an der Gesamtvarianz des Merkmals Intelligenz in einer Gruppe) von Kindern mit niedrigem Eltern-SozÖk heißt, dass man ihr genetisches Potenzial nicht zuverlässig am IQ ablesen kann - aber zu einem späteren Zeitpunkt könnte das gelingen: Weil sie sich selbst bis dahin passenderen Bedingungen zuwenden konnten, wegen des Schulbesuchs, weil aus diesen oder anderen Gründen die Erblichkeit der Intelligenz mit dem Lebensalter generell zunimmt. (Ich glaube, der IQ von Adoptiveltern korreliert gar nicht mehr mit dem ihrer erwachsenen Adoptivkinder, wenn der Einfluss der geteilten Umwelt wegfällt. Die Korrelation mit dem IQ der leiblichen Eltern wird dagegen immer größer.) Andererseits werden Potenziale bei hohem SozÖk zunächst überschätzt.

    Vor einigen Jahren fand das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, dass die Chance für eine Gymnasialempfehlung bei einem Facharbeiterkind drei- bis viermal kleiner ist als bei einem Kind aus der obersten sozialen Schicht, bei gleich großen Fähigkeiten (Lesekompetenz etc.). Ich bin Kunstwissenschaftler, die Begabungen, die mich begeistern, werden sowieso vernachlässigt - auch der große Teil gewöhnlicher Hochbegabung, der unter mangelnder Bildungsmobilität begraben liegt, scheint niemanden zu kümmern.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      In einer individuell optimalen Umwelt kann sich jede Pflanze bis zu ihrem individuellen Maximum entfalten; was "normalerweise" der Fall ist, wäre dann im Grunde irrelevant. Erblichkeit ist ja ein Populationsparameter, der keine Rückschlüsse darauf zulässt, wie das beim Individuum aussieht; Gene beeinflussen die Umwelt, Umwelt die Gene, aufgrund dieser Interaktion fände ich den IQ als Indikator für Erblichkeit, selbst in einer optimal passenden Umgebung, überinterpretiert.

      Und nein, ich würde nicht sagen, dass die "begrabene Begabung" niemanden interessiert; es dauert halt einfach nur sehr lange, bis wissenschaftliche Befunde in der Praxis ankommen :-/

      Antworten
  10. von Benjamin Gann

    "IQ Indikator für Erblichkeit"

    verstehe ich nicht, wie sollte das gehen? Man kann auch nicht zwingend von 100% Erblichkeit rückschließen, dass die Individuen der Population, für die dieser Wert ermittelt wurde, die indivduell förderlichsten Umweltbedingungen (Folgen solcher Bedingungen) hatten. Nur umgekehrt, wenn es keine 100% sind, dass nicht dieses hypothetische Ideal erreicht wurde. Aber der Erblichkeitswert gibt doch einen Anhaltspunkt, ob man die Varianz der Testleistungen in der untersuchten Gruppe als Sichtbar-Werden genetischer Varianz auffassen darf. Was nichts über individuelle genetische Potenziale sagt. Eigentlich war mein Beitrag auch kritisch gemeint, was das Reden von generell "größeren" oder "kleineren" Potenzialen betrifft. Man kann keine Reaktionsnorm für das Merkmal Intelligenz bei einem individuellen Genotyp erstellen. Trotzdem finde ich es sinnvoller, sich auf genetische Potenziale zu beziehen, als nur zu konstatieren, dass, wer sehr gut im Intelligenztest war, das "Potenzial" hat, dieses auch weiterhin zu sein, bzw. die ähnlich strukturierten Lerninhalte in Schule, Uni und Beruf zu meistern. Man gibt so doch einen Begriff mit kritischem, äh, Potenzial für eine Tautologie her.

    Antworten
  11. von r.bonk

    Danke für die Antwort.

    "aus Sicht des pragmatischen begabten Menschen, der erfolgreich sein will, ist es also sinnvoll, seine Energie doch lieber in etwas zu investieren, was anerkannt wird"

    Meinen Sie hier "pragmatisch" explizit als Begleiterscheinung der Begabung, oder unterscheiden Sie zwischen verschiedenen Begabungen, wobei es u.a. die pragmatische Begabung neben einer unpragmatischen Begabung gibt, usw.? Meine eigene Erfahrung im Umgang mit "auffallend" intelligenten Menschen ist, daß diese eher nicht in pragmatischen Kategorien denken, dafür sind sie schlicht zu intelligent, vermute ich. Das, "was anerkannt wird", mag ihnen kontemporär nicht erstrebenswert erscheinen - die soziokulturelle Umwelt ist tatsächlich, wie Sie auch schreiben, von entscheidender Bedeutung; Intelligenz, wie sie eine Kultur versteht, entwickelt sich, man vergleiche die letzten drei Jahrhunderte.

    Wenn nun hier z.B. auf eine Stiftung der Unternehmensberatung Berger verlinkt wird, spürt man direkt im Magen, daß es mit der Intelligenz - und nach welchen Maßstäben diese zu beurteilen und also zu messen sei - so eine Sache ist.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Nee, nicht eines "pragmatisch begabten", sondern eines begabten Menschen, der pragmatisch vorgeht ;)

      Helfen Sie mir nur mal eben die Sprünge, welchen Link Sie meinen – stehe ich hier gerade auf dem Schlauch?

      Ah, das mit dem Schülerstipendium meinten Sie; ich hatte nur den Blogpost untersucht. Ja, da hatte ich auch hin und her überlegt, ob ich das verlinken soll; mein Entschluss, es dann doch zu verlinken, kam daher, dass ich erst mal Möglichkeiten aufzeigen wollte (jede Fördermaßnahme hat ja Personen, die besonders gut dazupassen, und möglicherweise ist das bei dem Jungen ja der Fall => gilt übrigens auch für andere Fördermaßnahmen, auch staatliche), entscheiden müssen Kind und Eltern das ohnehin im Einzelfall.

      Antworten
  12. von andre

    Gefährlicher Gedanke/Behauptung

    Intelligenz ist nicht meßbar. Und schon gar nicht zuverlässig.

    Kreativität kann man nicht messen. Allerdings kann ein kreativer diese erkennen.

    Kreativität ist jedoch das, was uns vom Tier primär unterscheidet. Resp. in der geistigen Leistungsfähigkeit.

    Nur die Kreativen haben zu einer Entwicklung des Menschen beigetragen.

    Also wenn man die eigentliche Intelligenz nicht messen kann, warum behaupten Sie dies so klar und eindeutig?

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Ihre Auffassung von "eigentlicher" Intelligenz ist eher idiosynkratisch, oder? Ich beziehe mich auf eine gängige Auffassung, was Intelligenz ist; und die so definierte Intelligenz ist nun mal sehr gut messbar, den Zahn muss ich Ihnen leider ziehen.

      Antworten
  13. von André

    Kommentartext *

    Intelligenz kann man nicht messen. Und schon gar nicht zuverlässig.

    Alles was ein Speicher kann, ist nicht intelligent. Interopolation, ja, aber ohne nennenswerte Kreativität möglich.

    Extrapolation/Kreativität ist die echte Intelligenz.
    Der Mensch hat sich zu dem was er ist entwickelt, weil er Kreativität besitzt.

    Mit diesem Glauben der Meßbarkeit, zerstört man das Leben von echten Begabten.
    Die Hawik/usw-Begabten, sind meist nur Inselbegbate, die niemals etwas nenneswertes erschaffen werden.

    Eine Wahrheit noch:
    wer selber nicht begabt ist und das Wissen hierzu nur angenommen und nicht selbst entwickelt, resp. empfinden kann, der wird-belegbar-, den Menschen einen großen Schaden zufügen, denen angeblich geholfen werden soll.

    Man spricht auch von Gefährlichkeit................

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Sorry, aber ich befürchte, da geht bei Ihnen einiges durcheinander, sowohl, was die Messung von Intelligenz betrifft, als auch, was das Verhältnis von Intelligenz und Kreativität bzw. Testintelligenz und Inselbegabung angeht (Stichwort Schädlichkeit – wer hohe Intelligenz mit Inselbegabung gleich setzt, füttert damit Klischees, die klar widerlegt sind). Das auseinanderzuhalten ist nämlich gar nicht so einfach; und ein Kernproblem vieler Debatten im Bereich Hochbegabung ist folglich, dass man sich nicht vorher darüber verständigt, was man überhaupt mit Hochbegabung meint. Wenn Sie Kreativität als die einzig "echte Intelligenz" definieren, sei Ihnen das unbelassen; Ihnen muss aber klar sein, dass das keineswegs die einzige anerkannte Definition ist.

      Antworten
  14. von Benjamin Gann

    Nicht freischalten,

    das ist etwas ausgeufert meinerseits, tut mir leid. Aber helfen Sie mir auf die Sprünge. Ich weiß nicht, wie "IQ als Indikator für Erblichkeit" gemeint ist, aber die Erblichkeit (Heritabilität) wird doch über Korrelationen oder Varianzen von IQ-Werten (z.B. als genetische Varianz / Gesamtvarianz) bestimmt? Dass in der öffentlichen Diskussion zuviel in diese "Erblichkeit" hineingelesen wird, ist mir bewusst. Auch dass es sich um grobe Schätzungen aufgrund von Beobachtungen handelt, deren Repräsentativität für die Gruppe oder Population, für die der Wert gelten soll, zweifelhaft ist. Dass die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelten bei einem Merkmal wie Intelligenz ein unüberblickbares Feld individueller Entwicklungen möglich machen - da stimme ich grundsätzlich zu. Aber dann sollte man die Korrelation zwischen den Testergebnissen derselben Person ebenso kritisch bewerten und vielleicht gar nicht mehr von Potenzialen sprechen, sondern nur von den gerade vorhandenen Fähigkeiten für die Lösung von IQ-Testaufgaben.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Ihre Anmerkungen gefallen mir, regen zum Nachdenken an :)

      Verstehe ich das richtig, dass Ihr eigentlicher Kritikpunkt dahin geht, dass man weder bei der (korrelationsbasierten) Heritabilität als auch bei (beispielsweise) Korrelationen zwischen IQ und Leistung nicht von der Korrelation auf den Einzelfall schließen kann? Und mit der Korrelation zwischen Testergebnissen meinen Sie den g-Faktor (bzw. das, was ein Test als IQ ausspuckt)? Ich würde Ihnen teilweise zustimmen – auf guten Gutachten finden Sie deshalb auch immer eine Beschreibung, was der verwendete Test genau beinhaltet, was das für die Interpretation der Ergebnisse bedeutet und außerdem auch einen "Disclaimer", dass das Ergebnis eine Momentaufnahme ist (und im Einzelfall durchaus mal durch Tagesform o.ä. verzerrt sein kann). Dass die meisten Tests einen Gesamt-IQ berichten, ist auch darauf zurückzuführen, dass die Abnehmer das wollen – das AID hatte ursprünglich keinen IQ, sondern eher ein differenzierte Begabungsprofil, die Autoren mussten sich dann aber dem Wunsch der Kunden beugen :-/

      Wenn viele verschiede Aspekte der Intelligenz in den IQ eingehen, kann man außerdem etwas sicherer sein, dass ein hohes Gesamtergebnis nicht einfach nur ein Glücksgriff ist und darauf basiert, dass man genau das abfragt, was die Person gut kann. Durch Subtestprofile kann man dann ermitteln, wo die individuellen Stärken und Schwächen liegen (und u.U. auch herausfinden, dass ein Gesamt-IQ sinnfrei ist, wenn die Diskrepanzen zu groß sind, dazu gibt es auch Hinweise in den Handbüchern bzw. weiterführender Literatur). Um Profile zu erstellen, muss jedoch die Voraussetzung erfüllt sein, dass die Subskalen ausreichend messgenau sind. Weil das nicht immer der Fall ist, greift man dan auf den Gesamt-IQ zurück, der auf mehr Aufgaben basiert und allein schon deshalb genauer ist.

      Antworten
  15. von r.bonk

    Roland Berger Stiftung

    Ich hatte darauf hingewiesen, daß ich eine Verlinkung hierauf für unangemmessen halte. Sollte ich das nicht?

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Nö, passt schon. War nur ein paar Tage auf einer Konferenz, deshalb blieb das ein bisschen liegen ;)

      Antworten
  16. von Benjamin Gann

    Korrelationen

    Ich meinte die Korrelation zwischen den IQ-Werten einer Person, die mehrmals, zu verschieden Zeitpunkten getestet wurde, also (laut Wikipedia) Stabilität, nicht Konsistenz (g-Faktor). Ich dachte, Ihr Hinweis auf die Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt würde sich allgemein gegen deterministische Auffassungen richten, die auch ich falsch finde.

    Was soll man dann unter dem genetisch bedingten (hier: kognitiven) Potenzial eines Menschen verstehen? Sicher keine umweltunabhängige Obergrenze, aber auch nichts, das Person A immer intelligenter werden lässt als Person B, sofern beide sich in gleichermaßen entwicklungsfördernden Umwelten einrichten können.

    Man kann eine extrem antideterminstische Position vertreten: gar nicht von genetischen Potenzialen sprechen. Bezieht man einen größeren Rahmen mit ein (biologische Evolution, technologische und kulturelle Entwicklungen über lange Zeiträume), ist das gar nicht so extrem.

    Man kann auch das "genetisch" weglassen, aber ich würde es lieber behalten, aus normativen Gründen, als Bedingung einer gesellschaftlichen Verantwortung für die Entwicklungsmöglichkeiten jedes Menschen vom Beginn seines Lebens an. Ein Kind mit fetalem Alkoholsyndrom hätte demnach nicht einfach ein kleineres kognitives Potenzial, sondern viele Entwicklungsmöglichkeiten seines Potenzials unwiederbringlich verloren. Bei Drei- oder Zehnjährigen sehe ich dementsprechend Intelligenzforscher in der Verantwortung: Nicht gegenüber den Fähigkeiten, die sich im IQ-Test manifestieren, sondern weitergehend, gegenüber dem, was vom genetischen Potenzial noch zu entfalten wäre.

    Deshalb wären meine Fragen: Wie verstehen Sie "Potenzial"? Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung bzw. aus der geringen Erblichkeit bei Kindern mit niedrigem Eltern-SozÖk für die Diagnostik?

    Antworten
  17. von Susan

    Pflänzchen ohne Büro

    Liebe Frau Baudson

    Erstmal Glückwunsch zum Preis!

    Ich bin froh, dass es in meiner Kindheit keine flächendeckende Diagnostik gab, denn mein größtes Bedürfnis war in Ruhe zu wachsen, ohne Störfaktoren, wozu auch die kognitiven/emotionalen Horizonte so mancher Pädagogen gehörten.( Ich weiß das klingt überheblich) Auch wenn ich erkannt habe, dass sie es gut meinten und in ihrer Rolle verantwortlich waren für dies und das.
    In der Schule galt es so unauffällig wie möglich zu bleiben, weder das Vorhandene sichtbar auszudrücken noch den Anschein erwecken "Unpfiffig" zu sein, denn beides führte zu erhöhter Aufmerksamkeit und die Gefahr sie nicht so schnell wieder los zu werden. Das kann man schon als Kind wunderbar beobachten.
    Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, was man heute bildungsarm nennen würde, es gab dort kein einziges Buch, nicht mal ein Lexikon. An Stoff bin ich trotzdem gekommen, ich habe mich illegal in die wissenschafliche Bibliothek reingeschlichen, es gab zwar riesen Ärger, aber auch einen netten älteren Herrn mit Verständnis, so kam ich an Stoff, von welchem einige meiner Altersgenossen aus der Bildungsschicht nur träumen konnten.
    Auch Musik habe ich mir selbst verschaft, obwohl ich extrem schüchtern und verklemmt war, der Drang Musik zu machen war einfach größer. Meine Eltern mussten nur noch unterschreiben, der Hinweis dass ich mich selbst um alles kümmere, war da sehr hilfreich. In der DDR hat dies zu meinen Glück nichts gekostet, sonst hätte ich darauf verzichten müssen. Ich galt als begabt, da ich fehlerfrei spielte, ohne Noten zu können , es gab kleine Erfolge, ein Stipendium wollte ich nicht, mir hat dieser kleine Rahmen gerreicht. Das hat zu Beschimpfungen geführt, ganz nach dem Motto, " wie kann man nur so blöd sein und vorhandenes Talent nicht nach x oder y führen," Da wird man ganz schnell zur Projektionsfläche für die Bedürfnisse, Erwartungen und auch narzisstischen Wunden der Erwachsenen. Nicht jeder "Talentretter" hat das Reflexionsvermögen zu erkennen, dass dies mehr mit ihm/ihr zu tun hat, als mit den Bedürfnissen des Kindes.( Das Potential für dieses Problem haben ja alle Kinder, einfach weil Kindheit fremdbestimmt ist.)

    Sowas sollte auch mit einfließen in Ausbildung und Studium, biografische Reflexion für Pädagogen, überhaupt ihre Motivation warum sie mit Kindern arbeiten wollen, so manches ehemalige Opfer kehrt ohne Verabeitung an Orte wie Kita und Schule zurück.

    Ich bin garnicht so skeptisch gegenüber der Intelligenz und ihrer Messung, wozu das dann führen kann, macht mir eher Bauchschmerzen, auch für Kinder die dort gut, bis sehr gut abschneiden.

    Mich würde mal interessieren, wie Hochbegabte und Höchstbegabte selbst darüber denken, gibt es da "Meinungseinholungen" zum schnuppern?
    In meinem Bekanntenkreis sind einige getestete Hoch,- sowie Höchstbegabte, alle sehen das skeptisch, sicher aus persönlichen Erfahrungen, sind auch alle schon älter.

    Ich denke der "gute Nährboden" ist noch nicht vorhanden für verantwortungsvolle und hilfreiche systematische Erfassung, zumindest nicht flächendeckend, Einen idealen wird es eh nie geben, aber eine gewisse Basis bräuchte es trotzdem.

    Ihr Engagemant finde ich trotzdem wichtig und wertvoll!

    Ohne bringt man nix voran!

    Beste Grüße
    aus München

    Antworten
  18. von Christl

    @Uta:
    Im sächsischen Internat St.Afra werden nur Kost und Logis gezahlt, wenn sich das Kind als aufnahmewürdig (= Bestehen des Auswahlverfahrens) erwiesen hat. Wenn selbst Kost und Logis (für uns waren das von 2006 - 2011 400 Euro pro Kind) nicht leistbar sind, gibt es den Förderverein und Stiftungen, die Unterstützung gewähren. Bitte fragen Sie im Rektorat nach!!

    Antworten
  19. von Christl

    An den IQ bzw. an die Fähigkeiten des Kindes angepasste Förderung sieht so aus, dass dem Kind die WAHL gelassen wird, wie tief es in ein Thema einsteigen möchte. Meiner Erfahrung nach hört es auf, wenn es nicht mehr damit klar kommt, was man auch als "Überforderung" interpretieren kann. Genauso beschäftigt es sich stundenlang mit dem Thema, das es interessiert. Notwendig hierfür ist allerdings die Fähigkeit des Kindes, sich konzentrieren zu können, d.h. man muss ihm für das ruhige Spiel eine ruhige Umgebung bieten, die keine ständigen neuen Reize bietet, d.h. kein Fernsehen, kein Computer, kein Handy. Parallel dazu zu anderer Stunde viel Gelegenheit zur körperlichen Betätigung, d.h. raus in den Garten, Park, auf den Spielplatz, Sportplatz. Dies alles sollte unter einem festen bzw. strengen Reglement stehen, damit die Kinder wissen, woran sie sind. Die Devise sollte lauten: hart aber herzlich, d.h. ein Nein bleibt ein Nein. Gerade HBler versuchen als Kinder gerne daran zu drehen, und es ist sehr anstrengend als Erziehender, dann konsequent zu bleiben. Aber es lohnt sich, dass die Kinder von klein auf Regeln lernen, die benötigen sie nämlich für ihren Erfolg in der Gesellschaft...
    Auch die beste Förderung nützt nichts, wenn man dem Kind nicht von klein an Disziplin beigebracht hat. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! Das Einüben von Regeln gehört dazu, beginnend bei Bitte und Danke! Höchstleistungen sind nur durch eine Kombination von Begabung und Disziplin (= der Fähigkeit, sich auch mal durchbeissen zu können, wenn das Thema einem gerade nicht in den Kram passt) zu erreichen. Wenn das Kind die Brocken hinwirft, weil es keine Lust hat, brav seine Hausaufgaben zu machen, muss man ihm klar machen, dass das Konsequenzen haben wird. Die es dann zu tragen hat... Unser Sohn weigerte sich während der Schulzeit zweimal, das Buch zu lesen, welches gerade Thema war. Sogar noch in der Oberstufe... Aber er konnte es sich leisten, seine Noten waren trotzdem sehr gut...

    Antworten
  20. von Stefan Wehmeier

    "Die Intelligenz rennt dir nach, aber du bist schneller!"

    Intelligenz ist der Wille zur Macht über die Dinge; Dummheit ist der Wille zur Macht über andere Menschen. Der Einzelne ist machtlos; damit der Mensch überhaupt Macht erlangt, bedarf es der Arbeitsteilung. Die Macht über die Dinge wird umso größer, je weniger Macht über Menschen ausgeübt werden muss, damit die Arbeitsteilung funktioniert. Dabei sind aus heutiger Sicht drei Entwicklungsstufen zu unterscheiden:

    1. Zentralistische Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus bzw. Staatskapitalismus)
    2. Zinsgeld-Ökonomie (kapitalistische Marktwirtschaft bzw. Privatkapitalismus)
    3. Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus)

    Erst in der dritten Entwicklungsstufe, die noch zu verwirklichen ist, funktioniert die Arbeitsteilung ohne jede Machtausübung des Menschen über andere Menschen und die Macht über die Dinge wird grenzenlos. Damit aber die zweite Entwicklungsstufe, in der wir uns bis heute befinden, aus der ersten entstehen konnte, bevor an die Verwirklichung der dritten Entwicklungsstufe überhaupt zu denken war, bedurfte es einer Programmierung des kollektiv Unbewussten, um die halbwegs zivilisierte Menschheit "wahnsinnig genug" für die Geldbenutzung zu machen.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/03/evolution-der-intelligenz.html

    Antworten

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