29. Januar 2018 | Tanja Gabriele Baudson

Positiv desintegriert – Krise als Chance

Nach längerer Pause (hauptsächlich bedingt durch Umzug und drei äußerst kurzfristig vorzubereitende Vorlesungen – ganz so viel Action hätte ich im letzten halben Jahr eigentlich nicht gebraucht, aber so tobt nun mal das Leben!) gibt es nun endlich mal wieder einen Blogbeitrag. Ich freue mich, dass Sie nach wie vor dabei sind! – Vor einiger Zeit wünschte sich eine Leserin einen Beitrag zu Kazimierz Dabrowskis Theorie der Positiven Desintegration und dem Konzept des Entwicklungspotenzials, das dabei eine wichtige Rolle spielt. Dem komme ich mit etwas Verspätung, aber dafür um so lieber nach!

Weshalb mich die Anfrage so gefreut hat: Dabrowskis Buch “Positive Disintegration” (1964 – ich glaube, es ist bis heute nicht ins Deutsche übersetzt, wenn ich mich irren sollte, gern in den Kommentaren anmerken!) steht bei mir in der Rubrik “lebensverändernde Bücher”, denn seinerzeit hat es mir einen ganz neuen Blick auf das Phänomen Hochbegabung im Sinne eines Potenzials nicht nur zur Leistung, sondern zur individuellen Entwicklung insgesamt eröffnet. Dabrowskis Ansatz ist also ziemlich anders als gängige Ansätze der Hochbegabungsforschung. Bei ihm geht es weniger um den Aspekt der Intelligenz als vielmehr um Persönlichkeit als Ganzes, um menschliche Entwicklung und Wachstum; seine Theorie könnte somit der Positiven Psychologie zugeordnet werden (wenn es die denn damals schon gegeben hätte).

Dabrowski nimmt an, dass sich Menschen in ihrem Potenzial zur persönlichen Entwicklung unterscheiden und dass dieses Potenzial bei hochbegabten und hochkreativen Personen nicht nur besonders hoch ist (= quantitativer Unterschied), sondern der Prozess, der dahinter steht, auch ein anderer ist (= qualitativer Unterschied). In diesem Beitrag werde ich deshalb auch nicht auf empirische Befunde eingehen, die intellektuell Hochbegabte mit durchschnittlich Begabten verglichen haben (das wäre vermutlich einen eigenen Beitrag wert …), sondern ausschließlich auf die Theorie selbst.

Overexcitabilities

Eine zentrale Komponente der Theorie Dabrowskis sind die sogenannten overexcitabilities (“Übererregbarkeiten”), die einen Menschen dazu prädisponieren, auf Reize unterschiedlichster Art besonders stark zu reagieren – in einer Intensität, die stärker ausfällt, als der Reiz selbst es war. Jede Overexcitability (im Folgenden mit “OE” abgekürzt) äußert sich in charakteristischen Erlebens- und Verhaltensweisen. Dabrowski unterscheidet fünf verschiedene Bereiche, in denen sich OEs manifestieren können:

  • psychomotorisch: Diese äußert sich in einem hohen Energieniveau und Tempo bis hin zu einem Eindruck von Getriebenheit. Anspannung wird körperlich abgebaut (beispielsweise durch dauerndes Reden, impulsive Handlungen, aber auch Tics und Nägelkauen).
  • sensorisch: Diese ist charakterisiert durch besondere Freude an sinnlichen und ästhetischen Eindrücken, die sich auch physisch äußern kann (z. B. Gänsehaut). Anspannung wird beispielsweise durch übermäßiges Essen, sexuelle Ausschweifungen oder auch das Streben danach, ständig im Mittelpunkt zu stehen, abgebaut.
  • intellektuell: Diese steht dem konventionellen Begriff der intellektuellen Hochbegabung konzeptionell wohl am nächsten. Sie zeichnet sich durch hohe geistige Aktivität, Neugier, den Wunsch, Dingen auf den Grund zu gehen, ein Streben nach Wahrheit und hohes Reflexionsvermögen aus.
  • imaginativ: Menschen, bei denen diese OE besonders ausgeprägt sind, haben eine starke Vorstellungskraft, viel Phantasie und eine geringe Toleranz für Langeweile.
  • emotional: Eine starke emotionale OE zeigt sich in intensiven Gefühlen, die sich auch körperlich (z. B. Erröten) und affektiv äußern (z. B. Enthusiasmus, aber auch Schuldgefühle oder Depressivität). Diese Menschen sind zu intensiven Bindungen in der Lage (an Menschen, aber auch an Tiere oder Dinge) und mit ihrem eigenen Gefühlsleben sehr vertraut.

Wie wirken diese fünf OEs nun auf Menschen, die eher im durchschnittlichen Erregungsbereich liegen? Hierzu einige Beispiele:

  • Wer “hibbelig” ist (= psychomotorische OE), wird (insbesondere als Kind) schnell als hyperaktiv etikettiert.
  • Ausschweifende Sinneslust (= sensorische OE) gilt als mangelnde Selbstkontrolle und ist mit den aktuellen Tendenzen zur Selbstoptimierung und -beherrschung so gar nicht kompatibel.
  • Wer zu viel (hinter)fragt (= intellektuelle OE), hat es in unserem noch zu wenig individualisierten Bildungssystem nicht leicht, in dem Lehrkräfte den Lehrplan einhalten müssen.
  • Wer in seine Phantasiewelt abdriftet (= imaginative OE), wird schnell als Spinner abgetan.
  • Sehr gefühlvolle Menschen (= emotionale OE) gelten als nicht tough genug und müssen aus Sicht der anderen lernen, dass das Leben kein Kindergeburtstag ist.[FOOTNOTE]

Die positive Umdeutung: Overexcitabilities und Entwicklungspotenzial

Aus Sicht des Durchschnittserregten klingt das alles vermutlich ziemlich anstrengend – und das ist es auch. Wie aus den Beispielen deutlich wird, laufen Menschen mit hoher OE durchaus Gefahr, pathologisiert zu werden. Dem Gedanken, dass Overexcitabilities einen Krankheitswert hätten, widerspricht Dabrowski jedoch entschieden. Denn das, was von außen wie eine psychische Störung (etwa eine Depression) aussieht, ist womöglich nur ein Indiz dafür, dass sich die Person weiterentwickelt: “The distinction between mental health and mental illness rests on the presence or absence of the capacity for positive psychological development” (Dabrowski, 1964, S. 17). Denn die Desintegration auf der niedrigeren Stufe ist Voraussetzung dafür, eine qualitativ höhere Entwicklungsstufe zu erreichen – bevor man aufsteigen kann, muss es einen also erst mal ordentlich zerlegen. Da eine solche Krise die Entwicklung jedoch insgesamt voranbringt, spricht Dabrowski von einer “positiven Desintegration”. Am Anfang steht der von Impulsen und Instinkten angetriebene Mensch, der auf einem Niveau der primitiven Integration im Hier und Jetzt ganz passabel funktioniert. Um zu einer reichen und kreativen Persönlichkeit zu werden, ist Desintegration (und zwar eine umfassende) jedoch unabdingbar; und in der Disposition zur Desintegration unterscheiden sich die Menschen. Einerseits spielen Lebensphasen des Umbruchs, etwa Pubertät oder Menopause, eine wichtige Rolle; andererseits begünstigt aber auch Nervosität (beispielsweise hervorgerufen durch Overexcitabilities) eine Desintegration, und gesteigerte Overexcitability findet sich umgekehrt oft in Phasen intensiver Weiterentwicklung, bei sehr kreativen Menschen und solchen hohen moralischen, sozialen und intellektuellen Kalibers (Dabrowski, 1964, S. 14, Übers. TGB).

Die Overexcitabilities (insbesondere die Kombination aus intellektueller, emotionaler und imaginativer OE) sind jedoch nur ein Faktor der Persönlichkeitsentwicklung. Neben dieser Disposition, auf die Welt in einer bestimmten Weise zu reagieren, spielen die Fähigkeit (besondere Begabungen, etwa intellektuelle oder sportliche Begabung) und die Motivation einer Person (speziell ein starker “Drive”, seine Individualität zu entwickeln; vgl. Mendaglio & Tillier, 2006) eine wichtige Rolle.

Desintegration ist dabei auch nicht gleich Desintegration. Dabrowski unterscheidet eine eindimensionale (unilevel), eine Lockerung der mentalen Struktur, die dem Individuum jedoch nur wenig bewusst ist, und eine mehrdimensionale (multilevel), einen bewussten Prozess der Differenzierung der Innenwelt des Individuums, das idealerweise zu einer Integration auf einer höheren Ebene (secondary integration) führt. (Darüber hinaus gibt es auch noch eine chronische und eine pathologische Desintegration, die hier aber nur von sekundärem Interesse sind.) Die Marschroute gibt dabei das sogenannte “disposing and directing center” vor, eine mehr oder weniger organisierte psychische Struktur, welche das Individuum seinem Idealselbst näher bringt und das kurzfristige Verhalten sowie die längerfristige Planung steuert – mehr dazu gleich. Das Idealselbst ist dabei zunächst eher als eine grobe Idee zu verstehen, derer sich das Individuum aber durchaus bewusst ist. Es stellt ein dynamisches Ziel dar, dem sich das Individuum unter Aufwendung seiner mentalen Energien annähert.

Einflussfaktoren auf die Persönlichkeitsentwicklung: Persönlichkeit, Umwelt und der “dritte Faktor”

Entwicklung geschieht in der Interaktion zwischen persönlicher Disposition und der Umwelt. Diese beiden Aspekte bezeichnet Dabrowski als “ersten” und “zweiten” Faktor. Das Entwicklungspotenzial kann sich durchaus auf diese beiden Faktoren beschränken: Im ersten Fall agiert und entwickelt sich das Individuum eher instinkt- und triebgesteuert und hat dabei hauptsächlich seine egoistischen Interessen im Blick. Der Einfluss des zweiten Faktors – hierzu gehört insbesondere das familiäre und gesellschaftliche Milieu – funktioniert über soziale Normen und Erwartungen; auch unter der “Diktatur des Man” lässt es sich passabel leben. In beiden Fällen sind Verhalten und Entwicklung also fremdbestimmt; Triebe und Instinkte sind für Dabrowski eher als eine Art Programm zu verstehen, das mehr oder weniger automatisch abläuft, aber keine bewusste Auseinandersetzung erfordert.

Da aber bekanntlich aller guten Dinge drei sind, gibt es auch noch den “dritten Faktor” – und dieser ist nun für die internale, autonome Motivation zuständig. Denn er gibt sich den Gegebenheiten nicht einfach hin, sondern beurteilt sie im Hinblick auf die eigene Entwicklungsförderlichkeit. Jede Umweltgegebenheit, jede Handlung des Individuums wird also daraufhin bewertet, ob sie konsistent mit dem Idealselbst ist. Das hat nicht nur Folgen für das Individuum, sondern auch hinaus. Denn die Person wird auch wählerischer, was ihre soziale Umgebung angeht – und das finden andere möglicherweise nicht so nett. Intensive Entwicklung geht daher oft mit Isolation, Einsamkeit und dem Gefühl des Unverstandenseins einher.

Der dritte Faktor entfaltet seine Dynamik in kritischen und stressigen Lebensphasen. Er charakterisiert Individuen mit einer starken Tendenz zur positiven Entwicklung, mit anderen Worten: besonders begabte Menschen im Sinne Dabrowskis.

Konsequenzen für die Diagnostik psychischer Störungen

Aus dem Gesagten ist nachvollziehbar, warum Dabrowski davor warnt, eine Diagnose allein auf Grundlage der Symptome des Patienten oder der Patientin zu fällen. Stress, Nervosität, Angst, Depression können zwar bei manchen Menschen auf tiefere Probleme hindeuten, bei anderen jedoch Indizien für eine tiefgreifende Entwicklung und psychische Umstrukturierung sein. Symptomfreiheit reicht für ihn nicht, um psychische Gesundheit zu diagnostizieren: Gesund ist für ihn jemand, der kontinuierlich nach Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit strebt. Und dafür schafft die positive Desintegration mit allen scheinbar negativen Begleiterscheinungen die besten Voraussetzungen. Wer diese im Zuge seiner Selbstentwicklung erfährt, ist also insofern psychisch gesund, als diese zur positiven Entwicklung dazugehören. Soziale Vergleichsnormen wären in dieser Situation fehl am Platze: Denn das Kriterium ist das dynamische Idealselbst, mithin etwas ganz Individuelles.[FOOTNOTE2] Menschen, die sich ihrer Kreativität und der mit der Krise einhergehenden Veränderungen ihrer Person bewusst sind und überdies ein klares und dynamisches Idealselbst vor Augen haben, sind besonders fähig zur “Selbsttherapie” und somit zu einer erfolgreichen Integration auf höherer Ebene.

Andere können diesen Prozess am besten unterstützen, wenn sie einfühlsam und empathisch auf die sich entwickelnde Person eingehen, sie darin bestärken, eigene positive Standards in Form ihres Idealselbsts zu entwickeln, und weniger lenkend als vielmehr unterstützend den Entwicklungsprozess begleiten, der in unserer Gesellschaft und in unserem Bildungssystem so oft auf Unverständnis stößt.

Fußnoten

[1] Ich habe selbst zwar noch keinen Kindergeburtstag ausgerichtet, aber Menschen mit Kindern haben mir glaubhaft versichert, es gäbe kaum etwas Realitätsferneres als diese Metapher. Und auch Ponyhöfe sind für Eltern wohl nicht immer das reine Vergnügen.

[2] Dazu passt Dabrowskis Beobachtung, dass “Normalität” ja oft definiert wird als Übereinstimmung mit der Mehrheit. Normal, das beinhaltet:

  • praktische Intelligenz, weniger theoretische Intelligenz
  • egozentrische, weniger alterozentrische Einstellungen zur Gesellschaft
  • überwiegend instinktgesteuerte Selbsterhaltung.
  • Das als “normal” zu bezeichnen, erachtet Dabrowski als demütigend für die Menschheit: “a more suitable definition of mental health must contain, besides average values, exemplary ones” (Dabrowski, 1964, S. 113). – Meine persönliche Definition von “Normalität” orientiert sich an der Normalverteilung und umfasst einfach alles, was darunter liegt. Da die Verteilung sich bekanntlich auf beiden Seiten asymptotisch an die x-Achse anschmiegt, ohne sie je zu erreichen, ist mein Normalitätsbegriff eher inklusiv ;)

    Literatur

    1. Dabrowski, K. (1964). Positive Disintegration. Boston, MA: Little, Brown & Company.
    2. Mendaglio, S. & Tillier, W. (2006). Dabrowski’s Theory of Positive Disintegration and giftedness: overexitability research findings. Journal for the Education of the Gifted, 30, 68–87.

15 Gedanken zu „Positiv desintegriert – Krise als Chance

  1. von KRichard

    Übererregbarkeit - positive Psychologie

    Übererregbarkeit der positiven Psychologie zuzuordnen - das führt bei mir zu Kopfschütteln.

    Überspitzt formuliert: Vergewaltigung von Frauen ist demnach möglicherweise ein Hinweis für eine Hochbegabung des positiv desintegrierten Täters.

    Noch nichts von #metoo gehört?

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Bei mir führt es immer wieder zu Kopfschütteln, wenn Leute kommentieren, offensichtlich ohne den Text gelesen zu haben, und die Kritik an dem, was sie frei hineinprojizieren, dann auch noch mit breiter Brust vortragen. Gerade das, was Sie beschreiben, ist kein Beispiel für eine positive Desintegration. Sorry, noch mal lesen, zweiter Versuch.

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  2. von Öko-Theosoph

    Öko-Theosophie

    Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. [...] (Rest gestrichen, da nicht zum Thema passend und dadurch nicht wirklich zielführend in der Debatte.)

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Wo ist der Bezug zum Text? O.o

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  3. von Susan

    Positive Psychologie gab es noch nicht?

    Ich bin schon eine Weile draussen aus dem Thema, daher kann ich mich täuschen.

    Die Gedanken/ Wendung zur Positiven Psychologie gab es schon, wenn ich mich nicht irre.

    Es macht sicher Sinn, das mal "zeitgeistlich und personell" einzuordnen und herauszufinden, wer das dann als erster auf Hochbegabung und mit welchem Motiv übertragen wollte.

    Die Begriffe wie Kreativität, Begabung usw. können immer verschieden interpretiert/verwendet werden.

    Der Eine meint damit, dass jeder Fähigkeiten hat im Sinne von Bewältigungsstrategien, für Dinge die Jedem passieren können und/oder Ausducks;-Erlebensmöglichkeiten um positive Gefühle zu empfinden usw..

    Ein Andere sieht darin die Bestätigung von einem Potential was nur einer bestimmten Gruppe „ Definitorisch Auserwählter“ zugetraut wird.

    Man stelle sich mal einen Therapeuten, Pädagogen usw. vor, mit so einer Sichtweise/ Haltung, wie der Letzteren.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Im Grunde würde ich sagen, dass die Kombination schon bei William Stern anklingt, der das Unglück der "verbummelten Talente" schon 1916 angesprochen hat. Allerdings avant la lettre, wenn man sich das "Gründungsdatum" der Positiven Psychologie anschaut ;) Terman wäre möglicherweise auch ein (aus verschiedenen Gründen nicht ganz unproblematischer, aber) früher Vorläufer - ihm ging es ja darum, mit der Hypothese, dass geniale Menschen immer ein Defizit in anderen Bereichen hätten, aufzuräumen.

      Mit der Definition sprechen Sie ein wichtiges Problem an, das auch aktuell (wieder) intensiv diskutiert ist: Über was reden wir eigentlich? Über Hochbegabung als IQ, Hochbegabung im Dabrowski'schen Sinne, gemäß der Idee von Sternberg … Definitionen, die dann ja die Identifikation determinieren, sind ja nie richtig oder falsch, sondern allenfalls mehr oder weniger zweckdienlich. Und Identifikation erfolgt ihrerseits zu einem bestimmten Zweck. Ich denke daher, dass wir auf jeden Fall mehrere Informationsquellen brauchen, um Potenziale zu finden - so reduziert sich hoffentlich der "blinde Fleck".

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  4. von Cornelia Klioba

    Von Innen heraus verstehen

    Liebe Frau Baudson,

    ich freue mich sehr, dass Sie dieses Thema aufgegriffen haben! Als ich Dabrowskis Gedanken das erste Mal las, bin ich sofort darauf "geflogen" - ich fühlte mich in meinem Selbstbild als Begabte endlich verstanden. Diese innere Ausrichtung auf Wachstum (als Wollen, nicht als Zwang, um Missverständnissen vorzubeugen) wird oft fehlinterpretiert. Viele deuten es als arroganten Versuch, Überlegenheit zu demonstrieren; andere sehen darin eine negative Weltsicht (Kannst Du nicht einmal mit dem Erreichten zufrieden sein?).

    Aus "normaler" Sicht scheint diese Haltung Hochbegabter sich selbst gegenüber als etwas Negatives, Anstrengendes wahrgenommen zu werden. Für mich - und, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, auch für andere Begabte - ist es ein Quell der Freude, ein Erkennen von Wachstumsräumen und Grenzen und damit zugleich ein Ausloten der eigenen Möglichkeiten.

    Ein wesentlich jüngeres Buch liegt bei mir in Griffweite: "Searching for Meaning. Idealism, Bright Minds, Disillusionment,and Hope" von James T. Webb. Chapter 3 (Bright and Inquiring Minds Want to Know!) greift Dabrowskis Beobachtungen auf und führt sie weiter. Auch dieses Buch ist leider noch nicht übersetzt, es verknüpft die Fragen der "Inquiring Minds" auf wunderbare Weise mit Trost und Anregungen für positiven Umgang mit den so ganz anderen Fragen zur persönlichen Entwicklung. Es öffnet im Sinne von Julius Kuhl durch Annahme und Akzeptanz den Begabten gegenüber den Zugang zum Selbst.

    Diese so andere Wahrnehmung und Bewertung ihres Wesens durch andere begleitet Hochbegabte ihr ganzes Leben lang. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bereich Begabung beschränkt sich häufig auf den Aspekt Leistungsexzellenz oder die Frage, wie Begabte von Nutzen für die Gesellschaft sein können. Als "Betroffene" fühle ich mich dabei wie ein Objekt unter dem Mikroskop.

    Kann es sein, dass Begabung nur "von innen heraus" wirklich verstanden werden kann? Wird zu oft über und nicht mit Begabten gesprochen? Die Ansätze, Begabten beim Ausbilden einer "Begabungsidentität" zu helfen, sind Mangelware. Was Dabrowski beschreibt ist meine Normalität. Was kann helfen, die Akzeptanz dafür zu erhöhen? Noch ähnelt das Eingestehen der eigenen hohen Begabungen einem Comingout und führt noch zu oft zu unreflektierter Ablehnung.

    Ja, wir Begabten haben andere Vorlieben und andere Fragen. Es zieht uns nicht zwangsläufig zum Mainstream. Wir stellen unbequeme - aus unserer Sicht spannende, zu Entwicklung beitragende - Fragen. Wir verbinden uns auf eine sehr intensive Weise mit der Welt, die für uns Glück bedeutet. Wir schreiben niemandem vor, genauso zu sein - wir wünschen uns nur aus tiefster Seele, unbelastet so sein zu dürfen.

    In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre Beiträge, ich empfinde Sie als Unterstützung und wichtige Impulse bei der Erreichung dieses Zieles.

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    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Vielen Dank auch Ihnen für den anregenden Kommentar! :) Ich freue mich sehr, dass Ihnen die Beiträge gefallen.

      Die Hochbegabungskonzeption von Dabrowski finde ich auch großartig. Interessante Frage, ob man Hochbegabung nur von innen heraus verstehen kann! Das Konstrukt ist auf jeden Fall keines, was sich gut greifen ließe. Intelligenz ist natürlich ein wichtiger Faktor; aber diejenigen, die sich mit ihrer Hochbegabung auseinandersetzen (müssen? weil sie sich anders fühlen?), sind möglicherweise gerade die, bei denen noch "mehr" dazukommt als die Intelligenz. Die Tendenz in der Forschung geht ja eher in Richtung eines umfassenderen Begabungsbegriffs (den Ansatz von Sternberg hatte ich ja vor einiger Zeit hier mal vorgestellt), wenngleich die Gegenseite, die sagt, man müsse mit klar erfassbaren Konstrukten arbeiten, auch irgendwo recht hat – das sind aber verschiedene Ansätze. So wichtig der IQ ist (ich finde das Konstrukt Intelligenz super und für Forschung wie Praxis extrem wertvoll, nicht, dass es da zu Missverständnissen kommt), er reicht womöglich nicht, um das, was aus subjektiver Sicht die Identität eines Hochbegabten ausmacht, zu erklären. Ich spekuliere, dass dem so sein könnte, weil sich diejenigen besonders mit ihrer Identität auseinandersetzen, die (eben aus verschiedenen Gründen, nicht nur wegen ihrer hohen Intelligenz) vielfach "anecken" und sich "anders" fühlen.

      Der IQ ist da möglicherweise ein Mosaiksteinchen, Konstrukte wie Hochsensibilität ein weiteres, die allesamt zur Erklärung beitragen, warum man nicht "in die Norm" passt und sich entsprechend an der Welt (auf-)reibt. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch den Reiz dieser Konstrukte/Ansätze ausmacht: Man macht täglich die Erfahrung, dass die Welt eher suboptimal zu einem passt - und sucht nach Erklärungen; und Konstrukte wie Hochbegabung, Hochsensibilität etc. geben Erklärungen, die emdlich mal positiv konnotiert sind und dem Selbst (das ja teilweise wirklich sehr gebeutelt ist, wenn man manche Lebenserfahrungen Hochbegabter mal nachvollzieht) dadurch einfach echt gut tun.

      Aber das gute Gefühl ist nur der Anfang. Ähnlich, wie Anmerker das oben für die Schizophrenen beschrieben hat, die eine medikamentöse Behandlung überhaupt erst mal in den Zustand versetzt, in dem man mit einer Therapie anfangen kann, erschließt einem dieses "Sich-Erkennen", was man eigentlich an Potenzialen hat, dass man eben nicht nur "a bag of symptoms" ist, wie Maslow das nannte (womit wir wieder bei der Positiven Psychologie wären …). Und wenn es einem - qua Erkenntnis, dass man ein seltenes und positives Merkmal hat, oder sogar mehrere - ein Stück weit besser geht, kann man sich daran machen, diese umzusetzen, statt seine Energie in die Kompensation der Reibungsverluste zu stecken. (Ich hoffe, das war jetzt nicht gar zu konfus - Verfertigung des Gedankens beim Schreiben ;) )

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  5. von Anmerker

    Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Thematisch passend löste er eine Welle von Assoziationen bei mir (over-excitable?) aus, hier einige davon, ungeordnet, FWIW.

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    Ich sehe Zusammenhänge der Positiven Desintegration (PD) mit dem Gebiet der Hochsensibilität (HS) und der wohl in Nuancen abweichenden Sensory processing sensitivity (SPS). Diese beschreiben lebenslang bestehende Charakteristika, während die Positive Desintegration klar transitorischer (ggf. krisenhaft-dramatischer oder ins Pathologische chronifizierter) Natur ist.
    Jedoch könnte man die Beschreibung von Dabrowskis fünf prädisponierenden Bereichen der Overexcitability (OE) leicht für eine Charakterisierung von Hochsensiblen/SPSlern halten. HS/SPS soll auch einen Bezug zur Hochbegabung haben, aber die Forschung ist hier wohl noch ... Kolumbus sieht erstmals Land, oder so. Falls Sie hier mehr wissen...

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    Zum Thema secondary integration, hin zum Idealselbst:

    Hartmut Kraft (Psychoanalytiker, Köln?) beschrieb in "Über Innere Grenzen" die gesammelten Erfahrungen von KollegInnen und PatientInnen, die in Lebenskrisen spontan Erlebnisse (Erfahrungs-Deutungen?) hatten die strukturell und/oder inhaltlich den Initiationsriten von Schamanen in deren Kulturen entsprachen. Diese lassen sich gut mit der PD in Deckung bringen:

    Herauslösung aus der gewohnten Rolle, dem gewohnten Lebensverständnis (oder deren Zerfall) — "Marge"/"Zwischenreich" mit Erwerb von neuen Fähigkeiten, von Kraft-/Schutz-/Hilfs-Geistern und -tieren — Rückkehr/Reintegration in neuer Rolle, mit neuer Einsicht und ggf. Verantwortung.

    Manche gesellschaftlichen Rituale auch außerhalb von Kirchen/Sekten weisen noch Reste davon auf (zB Handwerkgesellen auf Wanderschaft, Lehranalyse, Dissertation (forschend/schreibender Rückzug, Rückkehr mit zu verteidigendem neuem Wissen, Gewinn einer neue Rolle) ), das deutet auf eine anthropologische Konstante hin, die der bewußten Gestaltung bedarf, sonst äußert sie sich in destruktiver Weise (zB Rekruten-Schikane, entgleiste Abi-Streiche — hier fehlen sinnvoll formgebende Rahmenstrukturen und anleitende Ältere "Eingeweihte"). Vielleicht ist die Overexcitability hier nur ein Verstärker, bzw. OE-Personen (er)leben die PD intensiver?

    Das Verhindern der Neustrukturierung und Integration durch ein Blockieren der Desintegrationssymptome habe ich schon öfter als Kritik an pharmazeutischer psychiatrischer Therapie gelesen. Allerdings wird dann von Seiten dieser Kritiker die Bedeutung der biologischen Grundlage des Erlebens, und die Notwendigkeit einer Stabilisierung von hier aus, stark unterschätzt. (Schwer Schizophrene zB müssen oft erst einmal chemisch soweit beruhigt werden, dass eine Therapierbarkeit hergestellt ist.) Hier muß man abwägen zwischen Einfrieren des Prozesses und Verhindern der Überwältigung durch ihn (der Aufruhr im System ließe keine konstruktive Neugestaltung/Reintegration zu).

    Ken Wilber stellt in einem seiner Bücher (vergessen, welches, sorry) fest, dass (sinngemäß zitiert) "viele Mystiker zu Beginn ihrer mystischen Laufbahn psychotische Episoden durchliefen". Er nennt aber IIRC nichts Konkretes (und ist generell schlampig mit Quellen).

    Entsprechend führten "Spirituelle Krisen" von Suchenden, die erstmal entgleist sind, zur Gründung eines Helfernetzwerkes, dem Sprititual Emergency (späther: Emergence) Network.

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    Abschließend noch ein Zitat, das die Innensicht einer Positiven Desintegration beschreibt, hier mit Traurigkeit/Depression als vordergründiger Symptomatik:

    "… Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.
    Ich glaube, daß fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehen bleiben können. Darum geht die Traurigkeit auch vorüber: das Neue in uns, das Hinzugekommene, ist in unser Herz eingetreten, ist in seine innerste Kammer gegangen und ist auch dort nicht mehr, - ist schon im Blut. Und wir erfahren nicht, was es war. Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist. Wir können nicht sagen, wer gekommen ist, wir werden es vielleicht nie wissen, aber es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht. Und darum ist es so wichtig, einsam und aufmerksam zu sein, wenn man traurig ist: weil der scheinbar ereignislose und starre Augenblick, da unsere Zukunft uns betritt, dem Leben so viel näher steht als jener andere laute und zufällige Zeitpunkt, da sie uns, wie von außen her, geschieht. Je stiller, geduldiger und offener wir als Traurige sind, um so tiefer und um so unbeirrter geht das Neue in uns ein, um so besser erwerben wir es, um so mehr wird es unser Schicksal sein, und wir werden uns ihm, wenn es eines späteren Tages «geschieht» (das heißt: aus uns heraus zu den anderen tritt), im Innersten verwandt und nahe fühlen. Und das ist nötig. Es ist nötig und dahin wird nach und nach unsere Entwicklung gehen -, daß uns nichts Fremdes widerfahre, sondern nur das, was uns seit lange gehört. …"

    Rainer Maria Rilke, Brief an Franz Xaver Kappus, 12. August 1904

    Beste Grüße und Dank nochmal!

    =============

    P.S.:
    Da Sie schon aus juristischen Gründen die Kommentare lesen müssen, wäre es sinnvoll, alles nicht zum Thema Passende einfach zu sperren, ggf. mit einem Textbaustein "Gelöscht, da nicht zum Thema / im Ton unsachlich oder beleidigend" damit der PosterIn auch weiß warum nichts erscheint? Für die anderen Leser ist es schlicht Spam und der Werbeeffekt ist unter Null; #metoo und Öko-Theosophie haben gerade in meiner Sympathie viele Minuspunkte eingefahren.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Vielen Dank für den Kommentar und ganz besonders für das wundervolle Zitat, das meinen Abend gerade sehr verschönt hat! :)

      Ja, OEs und HSP haben durchaus einige Anknüpfungspunkte, auch wenn sie nicht ganz dasselbe sind. Hochsensibilität (highly-sensitive personality/HSP im Folgenden) ist ein ziemliches Konglomerat aus allem Möglichen - die Zahl der Komponenten variiert, in einer Repräsentativstudie, die ich letzten Sommer auf einer Konferenz vorgestellt habe, hatten wir, wenn ich mich recht erinnere, elf Faktoren - ich weiß derzeit noch nicht ganz, wie und wo wir das publizieren sollen ;) Ein Kollege von mir hat HSP mal als "die sozial akzeptierte Version des Neurotizismus" bezeichnet, und auch, wenn das nicht alles umfasst, ist es doch ein positives "Framing" von Merkmalen, die oft negativ konnotiert sind. Weil es eben so unscharf ist, bin ich von dem Sammelbegriff selbst nicht so ganz überzeugt, aber da zumindest viele "Betroffene" sich darin ja wiedererkennen (möglicherweise gerade wegen der Unschärfe?), ist es durchaus spannend, sich das anzuschauen, finde ich.

      Zum Zusammenhang zwischen HB, OE und HSP: Dabrowskis Konzept von Hochbegabung ist ein ziemlich eigenes, das kann man mit der IQ-basierten Definition nicht vergleichen. Den Zusammenhang zwischen HB und HSP (der Aron & Aron-Gesamtskala) konnten wir mit dem Repräsentativdatensatz, auf dem die obige Studie basiert, übrigens auch widerlegen. (Das Team frickelt derzeit noch ein bisschen an der Frage herum, wie wir mit der bizarren Struktur des HSP-Konstrukts umgehen …)

      Die Parallele zu den Ritualen finde ich spannend (und ich glaube, das Gefühl der Desintegration, die hoffentlich positiv wird, auch wenn sie sich definitiv nicht so anfühlt, kennen wohl alle Promovierenden ;) ). Die OEs sind definitiv ein Faktor, der laut Theorie zur PD beiträgt.

      P.S.: Den einen Kommentar habe ich dann auf Ihre Anregung hin übrigens tatsächlich gekürzt und dies vermerkt - nachdem ich dank nicht funktionierenden Spamfilters ca. 6000 englische und russische Spam-Kommentare von Hand durchgegangen war, war ich mit allem, was zumindest sprachlich passte, wohl etwas nachlässig ;) Aber #metoo sollten Sie deshalb nicht vorschnell verdammen.

      Antworten
  6. von Anmerker

    Titel *

    Schade das gliedernde mehrfache Leerzeilen hier zu einer einzigen zusammengestaucht werden. Das macht meinen Kommentar jetzt noch sprunghafter für LeserInnen.

    Antworten
  7. von Klaus Hütig

    Betroffenheit

    Der Beitrag ist gut und zeigt mir deutlich meine Defizite. Die Frage , die sich für mich stellt ist : Was macht eine Person, die desintegriert ist mit der Tatsache das sie desintegriert ist? Darauf zu hoffen Bestandteil der Gesellschaft zu werden, in dem man auf Verständnisvolle Menschen trifft, die einen großen Willen zur Akzeptanz solcher Fähigkeiten hat? Für mich ergeben sich daraus immer neue Fragen. Danke für den Beitrag.

    Antworten
  8. von Anmerker

    Noch eine Assoziation

    [bei Scilogs kriege ich gerade lauter Timeout-Errors, deshalb jetzt über Fachportal... Bei mehrfacher Speicherung Doubletten bitte löschen!]
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    Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

    Ich bin sehr gespannt auf das Paper zum Zusammenhang HSP - Hochbegabung.

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    Zu Dabrowski liefert Wikipedia: He pursued a lifelong obsession with self-mutilation resulting in his semi-autobiographical 1937 work, "Psychological Basis of Self Mutilation." He believed that the key to the treatment of mental illness was intense personal suffering and hence marked the self-infliction of suffering as essential to personal development.
    "Self-infliction of suffering" — das bedeutet gleichzeitig Leiden aushalten wollen und es instinktiv/impulsiv vermeiden wollen. Da musste ich doch gleich an die PRISM-Theorie denken (Kurz referiert in seinem persönlichen Stil :-) im Blog von Peter Watts), der zufolge Bewußtsein entwickelt wurde als ein Mediator konfligierender motorischer Intentionen. Das wäre ein Alles-oder-Nichts-Sprung mit Analogien zu Dabrowskis in Krisen-Schritten verlaufender Entwicklung. Watts:

    "Not just conflict, or problems to be solved. Not just motor commands to carry out. Rather, conflicting motor commands: competing agendas, both involving voluntary motion. That‘s when you wake up."

    Die semantische Ähnlichkeit zu Dabrowskis Level I ist verführerisch, aber Vorsicht!...
    Die bei Watts verlinkten Papers von Bargh und Morsella formulieren und testen diese Hypothese. Watts:

    "If Morsella is right, consciousness scales with conflict: the greater the discord between systems, the higher the level of awareness. You are never more alive, more awake, more conscious, than when in excruciating conflict with yourself."

    Könnte eine erhöhte OE bedeuten dass man leichter/öfter in selbstkonfligierende Zustände kommt und es diese sind die dann den eigentlichen Antrieb darstellen, der alte Lösungsmuster bzw. zur Lösung genutzte Strukturen (durch Überlastung?) zerbröselt und somit neue, den Konflikt transzendierende, erforderlich macht? In kleinerem Maßstab das was Bargh und Morsella für das Bewußtsein insgesamt formulieren? Und jede PD wäre als ein Schritt zu besserem/umfassenderen/höherem... Bewußtsein formulierbar?
    (Watts beschäftigt sich in seinen Firefall-Büchern und einigen Kurzgeschichten mit dem Thema wie Intelligenz ohne Bewußtsein funktioniert und wie der Mensch damit kommunizieren kann; ähnliches Thema auch bei vielem von Carl Schroeder -- beide höchstes SF-Niveau, aber ich schweife ab...)

    ==============

    Keine Sorge, trotz der Minuspunkte ist #metoo bei mir noch im Plus. Mich ärgern nur manche Auswüchse, auch wenn ich sie rational als Symptome der durchbrechenden angestauten oder vorher verdrängten Wut, Verletzung, Empörung verstehen kann. Vielleicht sehen wir gerade ein soziales Analogon zur PD? KRichard hat sich mE nur einfach taktisch ungeschickt verhalten und einer guten Sache eher geschadet.

    Der Öko-Theosophie-Kommentar ist nur auf http://www.fachportal-hochbegabung.de/ gekürzt, nicht auf https://scilogs.spektrum.de/; da gibt es wohl keine automatische Synchronisierung.
    Gleich mit aufgefallen: Sonderzeichen wie Ellipsis oder M-Strich werden aus eingegebenen Kommentaren nicht übernommen; sie werden zu diesen freischwebenden Fragezeichen. Da der Quelltext ein 'charset="UTF-8"' enthält liegt der Fehler vermutlich nicht bei meinen fehl-rendernden Browsern. Kitzeln Sie mal Ihre ITler. :-)

    Antworten
  9. von Claudia Mohr

    Zusammenhang OEs, HB und HSP

    Die Diskussion ist ja wirklich hochaktuell, wie man an den Post-Daten unschwer erkennen kann.
    Mich würde die erwähne Repräsentativstudie zum Thema HSP interessieren. Gibt es a einen Auszug oder ein Abstract dazu?
    Wo wird denn noch der Zusammenhang von HB, HSP und OEs wissenschaftlich thematiesiert?

    Sonnige Grüße

    Antworten
  10. von Susan

    Klitzekleine Anregungen

    Es gab mal einen Beitrag auf deutsch zum Thema, von Mönks ( ICBF) und weiteren Autoren, unter anderem einen alten Weggefährten D..( Wenn ich mich richtig erinnere war das ursprüngliche polnische Wort, für das was D.meinte "fehlübersetzt"
    Überhaupt seine Biografie, die Umstände damals, die Medizin, Psychiatrie, sein Umfeld, welche Patienten, welche Methode. Wie war der wissenschaftliche, kulturelle usw. Zeitgeist? Begabung war damals noch was "Anderes". Am Besten man liest viel BegabungslektüreI aus dieser Zeit, überhaupt Alte Schinken aus verschiedenen Disziplinen und Epochen, international. Wer liest denn schon gern nur englisch

    Zum Thema "HSP", schon füher gab es einen Antilärmverein, einfach mal selbst suchen: " Kampfschrift Antirüpel ". Lärm hat auch eine Geschichte, sowie jede Klopapierrolle.

    Die ganzen "Interaktionsmuster" welche als Merkmalsliste dienen sollen.

    "Du bringst mich noch ins Grab", " Stell dich nicht so an", "Nimm dir nicht alles so zu Herzen", "Sei doch nicht so empfindich", waren "flächendeckende Kommunikationsmuster in vielen Erziehungsmomenten".

    Bei der Krümelchenbetreuung wird bis heute nicht die Raumakkustik bedacht.

    Wenn die Lust mir nicht ganz abhanden kommt, schreib ich mal was zusammen und schicke es Frau Baudson.

    Wahrscheinlich werden es nur Bücher und Links, ich bin extrem Wortfaul, lesen geht eben schneller und schreiben ist schon eine Wiederholung zu viel.

    Noch besser, wenn die Neugierde die " Begabungsdramalast " übersteigt und die Leute nicht warten, sondern einfach aktiv werden.

    Ich bin endlich wieder vom Monatelangen Krankensofa befreit und muss keine wildfremden Leute mehr "verfolgen"..

    Alles Liebe!

    Antworten

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Horstlom

Guten Tag, lieben Dank für die interessanten Einblicke. Dieser Artikel hat mich am meisten interessi ...

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Claudia Mohr

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