31. Dezember 2009 | Götz Müller

Alte Schinken

Aufräumen zwischen den Jahren bringt so manches hervor und nun auch diesen Beitrag. Zwei „alte Schinken“ sind mir in einem Karton begegnet, die sich mit der „Prädiktion akademischen Erfolges“ und „Erwartungswidrigen Schulleistungen“ beschäftigen. In Bälde trennen uns 45 und 35 Jahre von den alten Schriftstücken ...

Lavin beschäftigt sich in seinem Werk bereits 1965 mit der Vorhersage akademischen Erfolges. Wahl schreibt im Jahre 1975 über Erwartungswidrige Schulleistungen. Hierbei stellen beide bekannte Erkenntnisse dar und entwickelt weiterführende Gedanken. Nun mal in Auszügen sehen, was damals so geschrieben wurde:

Beispielsweise diskutiert Lavin Intelligenz als Prädiktor schulischer Performanz und benennt Korrelationen, wobei seine Angaben zwischen .15 bis .89 schwanken, zusammenfassend handelt es sich um etwa .45. Obwohl der intellektuelle Faktor der beste einzelne Prädiktor für schulische Leistung sei, seien nach Lavin nicht-intellektuelle Faktoren einzubedenken. Als Persönlichkeitsfaktoren werden motivationale Faktoren sowie Autarkie, Impulskontrolle und Introversion genannt. Hinzu kommen das Selbstkonzept, das Selbstvertrauen und –bewusstsein einschließt. Auch nennt Lavin Studiergewohnheiten und die grundsätzliche Einstellung gegenüber Schule und Hochschule. Kombiniert ergeben sich zwischen beiden und der Performanz Korrelationen um .70.

Lavin verweist auf Cronbach (1949), der festgestellt hat, dass die Hinzunahme von bestimmtem Interesse als Prädiktor bei einfacher Fähigkeitsvorhersage die Güte verbessert. In Studien, die untersucht haben, inwieweit Interesse jeder Art Performanz vorhersagen kann, erweisen sich Underachiever als solche mit größerem Interesse an sozialen Aktivitäten als an intellektuellen, für Overachiever gilt dies umgekehrt. (Kerns & Byron, 1957).

Wahl legt die Tendenz nahe, Overachiever seien leistungsmotivierter und höher intrinsisch motiviert, Underachiever hingegen unmotivierter und eher extrinsisch motiviert. Underachiever sollen auch sofortiges Feedback benötigen, Overachiever hingegen verzögertes. In der Diskussion stehen darüber hinaus stünden auch Konstrukte der Angst und dem Zutrauen in eigene Fähigkeiten. Underachiever seien ängstlicher als Achiever und Overachiever, trauten sich weniger zu und zeigten daher nicht die entsprechende Leistung. Hinsichtlich des Selbstbildes müssten Underachiever aufgrund ihrer Erfolgs-Misserfolgs-Bilanz eine niedrigere Selbsteinschätzung und weniger Selbstvertrauen besitzen. Einen interessanten Aspekt stellt Lavin in der Impulsivität dar, die er auf die Kontrolle des Interesses nach „long-run goals“ bezieht. Die Fähigkeit, die eigentlich unmittelbare Belohnung zu verzögern, findet sich bei Overachievern verstärkt.

In einer Studie von Rust und Ryan zeigt sich, dass Overachiever dazu tendieren, ein größeres Interesse am Ansehen zu finden. Lavin hält fest, dass diese externe Orientierung generell ein sinnvoller Prädiktor sei, da dies auch stark mit Leistungsmotivation gekoppelt sei. Eine weitere Variable sei die Unabhängigkeit, die ausdrückt, dass jemand das Bedürfnis hat, eigene Entscheidungen zu treffen und alternative Wege zu Vorschlägen anderer gehen möchte. Gelegentlich nutzt man hier als Synonym „self-sufficiency“ oder Autonomie. Studien legen nahe, dass Unabhängigkeit positiv relativiert zu akademischer Leistung ist. Aber: Auch umgekehrte Ergebnisse lassen sich finden, zumal Korrelationen zwischen Leistungsmotivation und Unabhängigkeit zu bestehen scheinen.

Lavin behandelt auch soziologische Determinanten. Verschiedene Studien betonen den sozio-ökonomischen Status (SES), der ohnehin schon mit Intelligenz korreliert sei. Eine Auswirkung auf die akademische Performanz sei stets vorhanden, werde aber nochmals verstärkt durch den Faktor Geschlecht, denn hier seien Männer stärker vom Low-Achievement und Underachievement betroffen sind als Frauen. Weiter beschäftigt sich Lavin mit den Variablen Religion, Alter und Schulgröße, die jedoch alle keine nennenswerten Effekte aufwiesen. In der Schüler-Lehrer-Beziehung sieht er einen weiteren Zusammenhang, insbesondere in der Grundschule. Hier liegen die Korrelationen bei teilweise .57. Im weiteren Schulverlauf gilt, dass Schülerverhalten zumindest bei Mädchen „more in line with teacher´s definition of the student role is“.

Vergleicht man diese alten Erkenntnisse mit Resultaten neuer(er) Forschung, sind sicherlich verschiedene Aspekte tiefer gehend erforscht und differenzierter betrachtet worden. Allein die methodischen Unzulänglichkeiten der damaligen Zeiten haben die Untersuchungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Aber gibt es etwas grundlegend Neues? Revolutionäres jedenfalls nicht.