2. Oktober 2012 | Tanja Gabriele Baudson

Lernt die Begabtenförderung noch dazu?

Derzeit entdecke ich einen (zu Unrecht weitgehend unbekannten) Pionier der Psychologie neu für mich: William Stern (1871–1938). Es ist großartig zu entdecken, wie modern Sterns Gedanken zur Begabungsidentifikation und -förderung auch heute noch anmuten. Wie weit sind wir seitdem eigentlich gekommen?

Indem er die Erforschung der Frage, was Menschen unterscheidet, systematisierte, rief Stern Anfang des 20. Jahrhunderts einen neuen Zweig der Psychologie ins Leben: die Differentielle Psychologie. Auch die Erfindung des Intelligenzquotienten ist sein Verdienst – wenngleich er über diese extrem verkürzte Darstellung menschlicher Fähigkeiten selbst nicht besonders glücklich war. Kaum ein Forscher ist so vielfältig in der Wahl seiner Themen (und so produktiv). Von der Frage, wie man die Eignung von Straßenbahnfahrerinnen (!) prüfen kann, über entwicklungspsychologische Fragestellungen zu Sprache, Erinnerung, Aussage und Lüge (was er gemeinsam mit seiner Frau Clara in ausführlichen Entwicklungstagebüchern an den eigenen Kindern untersuchte): Stern interessierte sich eigentlich für so gut wie alle Fragestellungen, bei denen die zu dem Zeitpunkt noch recht junge Psychologie als Hilfsdisziplin fungieren könnte – das zeigt die erste deutschsprachige Stern-Biographie, die Martin Tschechne im vorletzten Jahr veröffentlicht hat.

Der Begriff "Hilfsdisziplin" deutet es schon an: Stern ging es darum, das Wissen und die Erkenntnisse der Psychologie zu nutzen, um andere darin zu unterstützen, ihre Arbeit besser zu machen. Besonders deutlich wird das bei seinen umfangreichen Bemühungen um die Begabtenauslese und -förderung. Ich möchte im Folgenden exemplarisch aus der dritten Auflage seines 1912 veröffentlichten Buches Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung und deren Anwendung an Schulkindern zitieren, das 1920 "anstelle einer dritten Auflage" unter dem Titel Die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen und die Methoden ihrer Untersuchung erschien. In diesem Buch befasst Stern sich intensiv mit der Frage der "Begabtenauslese" – und stößt dabei auf Probleme, die sich in exakt der selben Form auch heute noch stellen:

Die Verantwortung, die mit der Auslese verknüpft ist, ist so groß, daß alle verfügbaren Hilfsmittel in der denkbar vollkommensten Weise verwendet werden müssen. Die Vertrautheit mit der Kindesseele, die Lehrer und Eltern besitzen, und der Schatz an Beobachtungen, der von ihnen in langem Umgang mit dem Kinde angesammelt worden ist, müssen bei der Vorauslese zur Geltung kommen; daneben müssen Prüfungen den gegenwärtigen Stand der Fähigkeiten und Leistungen feststellen. (S. 251f.)

Ist das nicht großartig? Von der Wertschätzung, die Stern dem Urteil von Eltern und Lehrern entgegenbringt, welche das Kind kennen und einen ganzheitlichen Eindruck von ihm haben, könnte sich heute mancher Forscher eine Scheibe abschneiden. Gleichzeitig tritt er mit gesundem Selbstbewusstsein auf: Fähigkeits- und Leistungstests sind die Domäne der Psychologie – und diese junge Wissenschaft ist definitiv als gleichberechtigter Partner der Pädagogik ernst zu nehmen!  

Bei beiden Methoden, der Beobachtung wie der Prüfung, muß der Pädagoge mit dem Psychologen zusammengehen. Die Entscheidung muß auf einer Gesamtberücksichtigung aller gewonnenen Kriterien beruhen; sie muß insbesondere in den weiten Grenzgebieten der zweifelhaften Fälle feinfühlig individualisierend vorgehen und sich nicht auf mechanische Ziffernwerte verlassen; sie muß ebenfalls in gemeinsamer Arbeit von Pädagogen und Psychologen erfolgen. (S. 252)

Das nenne ich Teamarbeit! Im Gegensatz etwa zu Lewis Terman, der zwar zunächst die Lehrkräfte geeignete Schüler vorschlagen lässt, letzten Endes aber doch dem "mechanischen Ziffernwert" IQ das stärkste Vertrauen entgegenbringt, betont William Stern, was für ein individueller – und fehleranfälliger! – Prozess Begabungsdiagnostik eigentlich ist; und das ganz besonders dann, wenn möglichst keine Begabungen übersehen werden sollen. Jedes Kind, das vor einem steht, ist einzigartig; und das dürfen weder Pädagogen noch Psychologen aus den Augen verlieren.  

Auch späterhin muß fortlaufend eine Erprobung der Auslesemaßnahmen stattfinden; es muß festgestellt werden, ob die ausgelesenen Schüler den psychologischen Prognosen entsprechen und ob die angewandten Methoden sich bewährt haben. (ebd.)

Das Zauberwort: Evaluation! Stern ist sich nicht nur dessen bewusst, dass menschliche Urteile und von Menschen geschaffene Messinstrumente fehleranfällig sind; er nimmt an dieser Stelle auch vorweg, dass Begabung möglicherweise kein statischer Begriff ist – eine Auffassung, die in letzter Zeit wieder verstärkten Zulauf findet. Wo Ressourcen nicht in unbegrenztem Maße vorhanden sind (und das ist im echten Leben ja eigentlich immer der Fall), muss überprüft werden, wie gut das Zielkriterium tatsächlich erreicht wird; und wenn dem nicht so ist, muss man eben nachbessern.  

Die Psychologie muß beanspruchen, zu dieser Arbeit als unentbehrliche Mitarbeiterin herangezogen zu werden; sie darf aber andererseits nicht vergessen, daß sie hier nur Hilfsdisziplin für eine dem Wesen nach pädagogische und soziale – nicht schlechthin psychologische – Kulturaufgabe ist. (ebd.)

Ich liebe Sterns Kombination aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit! Er erkennt klar die Kompetenzen der Psychologie, deren Wert er voller Überzeugung betont, hütet sich aber zugleich davor, Gebiete für die Psychologie zu vereinnahmen, auf die andere Disziplinen einen stärkeren Anspruch haben. Kompromissbereitschaft statt Expansionsgedanken, Miteinander statt Gegeneinander – hier könnte man viel lernen.

Es muß ferner eine wirkliche Gemeinschaft beider Gebiete angestrebt werden. Darin ist wahrlich nicht das Ideal zu sehen, daß schulfremde psychologische Wissenschaftler von außen her in die Schule eingreifen und von den Lehrern mit Mißtrauen als Eindringlinge betrachtet werden. (ebd.)

Und genau das wünsche auch ich mir für die Zukunft.

Literatur

 

  • Deutsch, W. (Hrsg.) (1989). Über die verborgene Aktualität von William Stern. Frankfurt/Main: Peter Lang.
  • Stern, W. (1920). Die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen und die Methoden ihrer Untersuchung. (An Stelle einer dritten Auflage des Buches: Die Intelligenzprüfung an Kindern und Jugendlichen). Leipzig: Verlag von Johann Ambrosius Barth.
  • Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert und Richter Verlag.