Underachievement-Blog

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Underachievement – Ein Routenplan für den Dschungel

Underachievement – Ein Routenplan für den Dschungel

„Wenn die Schule meiner Tochter herausfordernde Aufgaben stellt, wird sie sich im Unterricht auch beteiligen. Aber so?!“ Mit diesem Anliegen der Mutter startete ich in die Beratung und fand mich schnell in einem Dschungel unterschiedlicher Perspektiven, Glaubensätze, misslungener Fördermaßnahmen und Schuldzuweisungen zwischen Schule und Elternhaus wieder – und einem minderleistenden Mädchen gegenüber, das nach Außen den Anschein gab, als wäre ihr alles egal. Die komplexe Problemlage bei Underachievement kann nicht nur die Schüler:innen selbst, sondern auch ihr jeweiliges Umfeld lähmen. In diesem Dschungel macht der nachfolgende Handlungsleitfaden ein Angebot für die oft nötige Klarheit und Struktur.

Januar 1970

Von: Anne Ziesenitz


Handlungsfähig bleiben bei Underachievement – ein Leitfaden für schulische Fachkräfte und Berater:innen

Das meist über Jahre entstandene Wirkgefüge bei Underachievement ist oft hochkomplex und sehr individuell. Es gibt daher kein Patentrezept, um Schüler:innen aus dem Underachievement zu begleiten. Auch der Handlungsleitfaden, den ich Ihnen hier vorstelle, ist keines. Aber er gibt eine Handlungsorientierung unter Berücksichtigung der Komplexität von Underachievement, schafft für alle Beteiligten Transparenz im Vorgehen und bietet eine Grundlage für Kooperationsvereinbarungen, z. B. zwischen Schüler:in und Lehrkraft oder zwischen Lehrkraft und Therapeut:in.

Dieser Handlungsleitfaden wurde im Rahmen der Beratungsarbeit für schulische Fachkräfte und Berater:innen erarbeitet. Svenja Melbyne und ich von der Beratungsstelle besondere Begabung Hamburg haben hierbei auf Erkenntnisse der Wissenschaft, theoretische Modelle und Interventionen zurückgegriffen z. B. 1 - 3. Der Leitfaden wird kontinuierlich weiterentwickelt. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen, inwieweit der Handlungsleitfaden für Sie ein hilfreicher Routenplaner im Dschungel des Underachievements war und was wir noch verbessern können.

Begabtenförderung im Unterricht: ausprobieren, beobachten und sich austauschen

Abb. 1/3 Handlungsleitfaden Underachievement und Twice Exceptional (2e) (Teil 1); Ziesenitz/Melbye (2020), aktualisiert Ziesenitz 2023

Der erste Teil des Handlungsleitfadens zeigt, was idealtypisch bei Verdacht auf eine Hochbegabung im Unterricht unternommen werden kann. Im Fall von Underachievement geht es vor allem darum zu prüfen, welche Förder- und Unterstützungsmaßnahmen bereits ausprobiert und wo Anzeichen der Begabung beobachtet wurden. Wurde bereits Lernstoff gestrafft (Compacting), um unnötige Wiederholungen zu vermeiden? Wurden komplexe und offene Aufgabenstellungen oder Formen des forschenden Lernens ausprobiert? Was haben die Lehrkräfte bei unterschiedlichen Anforderungen beobachtet? Wurden Lernstandserhebungen einbezogen? Gab es hier Unterschiede zu den Noten?

Der Austausch zwischen den Kolleg:innen ist für das Entdecken von Begabungen unerlässlich. Welche Beobachtungen wurden in welchen Fächern gemacht? Waren Unterschiede im Verhalten der Schüler:innen zu beobachten? Bei der systematischen Beobachtung können Fragebögen eingesetzt werden 4. Dabei ist es wichtig, Schüler:innen und Eltern gleichermaßen mit ihren Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen ernst zu nehmen, ihre jeweilige Perspektive zu würdigen und nicht zu bewerten. Erinnern Sie sich daran, dass Schule und zu Hause zwei vollkommen verschiedene soziale Settings sind. Das Kind wird sich jeweils anders verhalten und wir können als Beratende daraus lernen.

Hilfe holen und eigene Grenzen achten

Abb. 2/3 Handlungsleitfaden Underachievement und Twice Exceptional (2e) (Teil 2); Ziesenitz/Melbye (2020), aktualisiert Ziesenitz 2023

Das idealtypische Vorgehen reicht bei Underachievement nicht aus. Achten Sie Ihre persönlichen und/oder disziplinbezogenen Grenzen und leiten Sie in Rücksprache mit den Eltern die erforderliche pädagogische und psychologische Diagnostik ein. Suchen Sie die Unterstützung von externen Expert:innen, z. B. von Beratungsstellen für Hochbegabte, Lerntherapie, Nachhilfe, Erziehungsberatung oder Psychotherapie. Wer einbezogen wird, ist natürlich von Fall zu Fall verschieden. Ergänzend zu den bereits gesammelten Informationen (s. o.) können fragebogengestützt relevante Aspekte ermittelt werden, wie die Lern- und Leistungsmotivation, das Attributionsmuster oder das Selbstbild. Zudem sollte eine Intelligenzdiagnostik vorliegen  –  mit aller Interpretationsvorsicht, denn es ist wahrscheinlich, dass Underachiever:innen ihr Potenzial auch in einer Testsituation nicht optimal abrufen können. Die Gründe hierfür können – genau wie im Unterricht – z. B. eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung, ein geringer Selbstwert, Blockaden und Versagensängste sein. Die Testbeobachtung und das Gespräch mit den Schüler:innen liefern weitere wichtige Hinweise. Gegebenenfalls müssen auch psychische Störungen abgeklärt werden, wie z. B. AD(H)S, Autismus-Spektrums-Störung oder Depression.

Ziele und passende Maßnahmen gemeinsam entwickeln

Abb. 3/3 Handlungsleitfaden Underachievement und Twice Exceptional (2e) (Teil 3); Ziesenitz/Melbye (2020), aktualisiert Ziesenitz 2023

Vier Bereiche spielen beim Underachievement meistens eine Rolle: Lernkompetenz, Motivation, Selbstvertrauen/Selbstkonzept und Beziehungen. Im Handlungsleitfaden sind für jeden dieser Bereiche ein übergeordnetes Ziel und mögliche Maßnahmen zur Erreichung formuliert. Auf Basis der Diagnostik können dann passende Ziele und Maßnahmen entwickelt oder ausgewählt werden – unter Einbezug der Schüler:innen. Je nach Sachlage entscheiden Sie als Beratende:r, womit Sie beginnen und wie die konkreten Maßnahmen aussehen. Die Komplexität des Phänomens Underachievement verbietet es, hier genauere Vorgaben zu machen. Das Finden von Lösungen erfordert Flexibilität und Kreativität aller Beteiligten.

Ziel: Lernkompetenz ausbauen

Über die Zeit haben Schüler:innen mit Underachievement oft Lernlücken aufgebaut, die es zu schließen gilt. So unangenehm es auch sein mag, bestimmter Lernstoff muss nachgeholt werden. Dazu müssen oft auch Lernstrategien und -techniken zu einem Zeitpunkt erworben werden, an denen Gleichaltrige diese bereits sehr gut beherrschen – häufig ein Motivationsdämpfer. Manche Underachiever:innen werden deswegen auch zu Meister:innen im Finden von „Schlupflöchern“ und suchen Ausreden, doch irgendwie um diese Aufgaben herumzukommen. Hier sind verbindliche schriftliche Absprachen wichtig, über die alle Beteiligten informiert sind. Zur Unterstützung des Lernens gilt es Lernpartner:innen zu gewinnen. Dies können z. B. Oberstufenschüler:innen sein, Teilnehmer:innen aus Begabtenförderungskursen oder Schüler:innen, die selbst ein Underachievement überwunden haben.

Ziel: Intrinsische Motivation anregen

Schüler:innen mit Underachievement ist häufig die Sinnhaftigkeit für das Lernen und den Ort Schule abhandengekommen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Somit hat das Anregen der intrinsischen Motivation höchste Priorität. Lassen Sie den Lehrplan beiseite und probieren Sie für eine begrenzte Zeit etwas anderes aus. Machen Sie ein Experiment: Welche Themen findet das Kind bzw. der/die Jugendliche spannend? Lassen sich diese in den Unterricht integrieren? Welche Verhaltensbeobachtungen machen Sie dabei?

Underachiever:innen sind zudem häufig misserfolgsorientiert. Erfragen Sie, wie sich die Schüler:innen Erfolge bzw. Misserfolge erklären. Übernehmen die Schüler:innen Verantwortung für ihr Lernen oder werden sämtliche (Miss-)Erfolge durch äußere Umstände erklärt? Wie gehen die Schüler:innen mit Fehlern um? Konstruktiv oder „den Selbstwert negativ infrage stellend“? Finden Sie gemeinsam Erklärungen, die den Schüler:innen die Verantwortung für und die Kontrolle über ihr eigenes Lernen zurückgeben. Die ist wichtig für das Selbstwirksamkeitserleben, d. h. die Schüler:innen erleben sich als Herr:in über ihr Lernen (und Leben) 5.

Meistens benötigen Underachiever:innen Unterstützung bei der Setzung von Zielen. Achten Sie darauf, dass die Ziele kleinschrittig und realistisch sind. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Erfolgserlebnissen. Diese gilt es zu würdigen und sichtbar zu machen.

Ziel: Selbstkonzept/Selbstvertrauen stärken

Underachiever:innen haben in der Regel viele Misserfolge erlebt und negatives Feedback erhalten. Die Folge ist oft ein recht stabiles negatives Selbstkonzept: Sie zweifeln an ihren Fähigkeiten, die ihnen unveränderbar oder nur sehr gering erscheinen. Hier gilt es, die vorhandenen, aber verschütteten Ressourcen zu aktivieren und Misserfolgserwartungen zu durchbrechen (s. o.). Die Schüler:innen brauchen Unterstützung (meist therapeutisch) und Geduld, um ein realistisches und positives Selbstbild zu entwickeln. Das bezieht auch die Akzeptanz von Schwächen mit ein. Für Stress und Frustrationserlebnisse müssen Bewältigungsstrategien aktiviert und erworben werden, die den wertschätzenden und mitfühlenden Umgang mit sich selbst unterstützen.

Einen Förderplan im Team erstellen

Für die Schüler:innen sind verbindliche Absprachen und Transparenz zwischen allen Beteiligten wichtig. Dies schafft ein Gefühl der Sicherheit. Erstellen Sie daher einen Förderplan, auf dem die Ziele und ausgewählten Maßnahmen formuliert sind. Die Ziele sollten konkret, messbar, von der Mehrheit akzeptiert, realisierbar und terminiert sein. Weniger ist mehr. Das Ziel „Das Kind beteiligt sich mehr im Unterricht“ ist unkonkret, das Ziel „Das Kind meldet sich ein Mal pro Stunde im Englischunterricht und zwei Mal pro Stunde im Matheunterricht“ ist konkret und eindeutig. So können sich alle Beteiligten Schritt für Schritt einen Weg aus dem Dschungel des Underachievement bahnen 6.

Zum Weiterdenken:

Verfügt Ihre Schule über einen Handlungsleitfaden zum Umgang mit Underachievement? Wer im Team hat ggf. besondere Erfahrungen in der Förderplanung?

Mit welchen Partner:innen ist Ihre Schule zur Unterstützung von Underachiever:innen vernetzt? Kartieren Sie Beratungsstellen und mögliche weitere Anlaufstellen für sich und Ihre Kolleg:innen.

Zum Weiterlesen:

Literaturtipp: Gerald Matthes hat ein lesenswertes Buch zur Förderplanung im Team geschrieben 7. Es ist nicht begabungsspezifisch, aber wunderbar anpassbar (wie wir festgestellt haben).

Nicole Miceli (Hrsg.), „Praxisbuch Begabungsfördernde Schulentwicklung“, 2023, Beltz Verlag.

Die Originalgrafik zum Handlungsleitfaden Underachievement und twice exceptional (2e) von Svenja Melbye und Anne Ziesenitz kann bei der Autorin angefragt werden.