Der Langeweile von Underachiever:innen auf der Spur
Im Lern- und Leistungskontext gehört Langeweile zu den Lernemotionen. Sie äußert sich durch Unwohlsein und den Eindruck, dass die Zeit quälend langsam vergeht. Dazu können Antriebslosigkeit, Müdigkeit, eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit, abschweifende Gedanken sowie „Sinnlosigkeitsgedanken“, eine fehlende Motivation oder der Wunsch, sich irgendwie anders zu betätigen bzw. die Situation verlassen zu können, kommen. Langeweile tritt in Situationen auf, die Menschen als eintönig, monoton oder uninteressant erleben und denen sie (vermeintlich) nicht entfliehen oder für sich interessant gestalten können. Zu unterscheiden ist die situative Langeweile (um die es hier gehen soll) von dem Persönlichkeitsmerkmal, d. h. der Tendenz, sich schneller zu langweilen als der Durchschnitt.
Jede Emotion hat ihre Funktion. Bei der Langeweile handelt es sich um eine Signalfunktion: Sie informiert uns darüber, dass eine Situation für uns nicht mehr interessant oder sogar negativ ist. Sie signalisiert einen Veränderungswunsch und regt uns dazu an, die Aufmerksamkeit auf etwas subjektiv Bedeutsames zu richten.
Gibt man der Langeweile Raum, dann kann sie die benötigte Ruhepause für das Gehirn ermöglichen. Diese Regenerationszeit ist wichtig für den Erhalt der Leistungsfähigkeit. Das sogenannte default mode network ist eine Gruppe von Gehirnzellen, die in Ruhe- und Schlafphasen sowie beim Tagträumen, der Meditation, dem Gedanken-Schweifen-Lassen, bei der Selbstreflektion oder dem kreativen Denken aktiv ist. Kreativität gedeiht am besten, wenn man zwischen Phasen von konzentrierter Arbeit und dem kompletten Gegenteil wechselt. Routinen und Wiederholungen können das Gehirn vom Entscheiden und aktiven Nachdenken entlasten. In der Freizeit kann eine „lange Weile“ durchaus positive Effekte haben, in der Schule hingegen eher weniger.
Die Annahme, dass sich hochbegabte Schüler:innen im Durchschnitt mehr langweilen als durchschnittlich begabte Schüler:innen hat sich empirisch nicht bestätigt. Im Gegenteil scheint Langeweile ein normales Phänomen im Unterricht zu sein: Ein bis zwei Drittel der Schülerschaft langweilt sich im Unterricht; nur 2 Prozent der Kinder äußern, dass sie sich nie im Unterricht langweilen würden 1. Dennoch gibt es Gruppen von Schüler:innen, die häufiger über Langeweile klagen: Dies sind zum einen weniger intelligente und leistungsschwächere Schüler:innen und zum anderen hochbegabte Underachiever:innen 2.
Wenn Kinder und Jugendliche sich dauerhaft in der Schule (oder schon in der Kita/Vorschule) langweilen, sollte das als Warnsignal verstanden werden: Die negativen Auswirkungen auf das Lernen sind beachtlich und es besteht die Gefahr, in ein Underachievement zu rutschen. Langeweile erhöht Aufmerksamkeitsprobleme und reduziert die intrinsische Motivation, die Anstrengungsbereitschaft, die vertiefende Verarbeitung von Informationen, die Selbstregulation, das akademische Fähigkeitsselbstkonzept und letztlich auch die späteren schulischen Leistungen 3. Die Schüler:innen werden mehr und mehr abgehängt und befinden sich schnell in einem Teufelskreis. Dieses „Abgehängtsein“ kann sowohl aus einer Überforderung als auch aus einer Unterforderung entstehen, was wiederum die Langeweile verstärken kann. Kommen Ihnen die zuvor genannten Aspekte aus dem Kontext von Underachievement bekannt vor? Dann liegen Sie richtig! Bei Underachiever:innen sind sie häufig zu finden. Hier ist ein differenzierter Blick dringend erforderlich, um das komplexe Ursache-Wirkungsgefüge zu entwirren (wenn überhaupt möglich).
Als ersten Schritt gilt es, den Unterricht genauer zu analysieren. Für das Lernen ist ein mittleres Maß an physiologischer Erregung („arousal“) erforderlich. Bei zu viel Erregung, wie bei Ärger und Aufregung, oder zu wenig Erregung, wie bei Müdigkeit und Langeweile, können Informationen weniger gut bzw. gar nicht aufgenommen, verarbeitet und abgespeichert werden. Bei Lernsituationen, in denen Lernende wenig Einflussmöglichkeiten haben und den Lerngegenstand als bedeutungslos erachten, ist Langeweile vorprogrammiert.
Was ist zu tun? Fragen Sie Ihre Schüler:innen! Versuchen Sie unnötige Wiederholungen zu vermeiden und schaffen Sie Zeiträume für herausfordernde komplexe Aufgaben, die an die Lebenswelt der Schüler:innen andocken oder sich auf die Lösung realer Probleme beziehen 2. Beziehen Sie nach Möglichkeit außerschulische Lernorte mit ein. Oder machen Sie das Thema Langeweile selbst zum Unterrichtsthema. Wichtig zu wissen ist, dass gerade bei Underachievement solche Anpassungen des Unterrichts (meist) nur ein erster Schritt sein können, da hier oft noch andere Themen eine Rolle spielen.
Interessanterweise äußern selbst Schüler:innen in Hochbegabtenklassen mit einem angepassten Curriculum manchmal Langeweile 4. Auch in der Beratung zeigt sich, dass Langeweile-Äußerungen nicht uneingeschränkt für Unterforderung und eine schlechte Unterrichtsqualität stehen müssen. Die eigentlichen Ursachen können ganz verschieden sein:
Was genau hinter der Langeweile steckt, muss im jeweiligen Fall herausgefunden werden.
Wenn der Unterricht (noch) nicht begabungsförderlich angepasst ist, dann benötigen insbesondere Underachiever:innen mit einer geringen Emotionsregulation Bewältigungsstrategien. Eine Möglichkeit ist, die Beobachterrolle zu üben: Die Schülerin bzw. der Schüler achtet auf die Signal-Funktion der Langeweile und nimmt die körperlichen Reaktionen bewusst wahr. Die „Beobachtungshaltung“ hilft, sich nicht von dem Langeweile-Gefühl ins Gefühlsdrama tragen zu lassen. Stattdessen sind drei Schritte förderlich:
Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler sich der Langeweile nicht hilflos ausgeliefert fühlen. Das ZRM-Material „Ich packs!“ eignet sich sehr gut, um – angeleitet von einer Fachkraft – die emotionale Spürgenauigkeit grundsätzlich zu schulen 6.
Langeweile-Äußerungen lösen bei Eltern oder Lehrkräften eine Bandbreite an Reaktionen aus – von blindem Aktionismus bis zu Empörung. Viele Eltern neigen dazu, ein Feuerwerk an Vorschlägen gegen die geäußerte Langeweile zu produzieren, was häufig zu vielen „ja, aber …“-Reaktionen des Kindes führt. Hilfreicher ist es, das Kind bei der eigenen Lösungsfindung zu unterstützen. Die Akzeptanz für eine eigene Idee ist oft viel höher als die Idee anderer Personen.
Auch im schulischen Kontext gilt es, die Ohren zu spitzen und die Situation zunächst besser zu verstehen. Skalierungsfragen sind ein guter Ausgangspunkt, um das Ausmaß der Langeweile sichtbar zu machen (Wie häufig langweilst du dich im Unterricht? 0% – 100% der Zeit. Wie unangenehm ist das Gefühl Langeweile? 1 angenehm – 10 unangenehm.). Von dieser Ausgangslage kann das Langeweile-Paket weiter ausgepackt werden: Wann tritt die Langweile auf und wann nicht? Wie verhältst du dich, wenn dir langweilig ist? Was beobachtest du bei Mitschüler:innen? Wofür steht die Langeweile? Wie viel Prozent Langeweile ist zumutbar und okay? Was könntest du selbst tun, damit dir noch langweiliger bzw. weniger langweilig wird? Wer ist verantwortlich für deine Langeweile? Wer hat am meisten davon, dass du dich langweilst? Kannst du in etwas Langweiligem etwas Interessantes entdecken? Um besser zu verstehen, wie die Schüler:innen aktuell mit Langeweile umgehen, kann auch ein Fragebogen hilfreich sein 1. Individuell oder gemeinsam in der Klasse können so konstruktive Lösungsideen gesammelt werden. Ziel ist es, den Schüler:innen ihre eigenen Einflussmöglichkeiten bewusst zu machen.