Hochbegabte unterstützen

Schule

Beratung für Lehrpersonen im Feld der Begabungsförderung

Die Beratung von Schüler:innen und Eltern zählt zu den zentralen Aufgaben von Lehrer:innen. Sie umfasst in der Regel Themen und Anliegen zur Lern- und Leistungsentwicklung, zu Unterrichtsinhalten und didaktischen Fragestellungen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von fachspezifischen Beratungsfeldern, innerhalb derer die Lehrpersonen selbst zu Ratsuchenden werden, wie zum Beispiel das Feld der Begabtenförderung. An wen können sich Lehrpersonen beispielsweise wenden, wenn sie vor der Herausforderung stehen, hochbegabte Kinder und Jugendliche angemessen zu fördern oder sich unsicher sind in Bezug auf das Erkennen einer Begabung?

Von: Marielle Liebert


Bild: iStock/fizkes

Dieser Artikel widmet sich sowohl den verschiedenen Fragestellungen, den möglichen Beratungsanlässen innerhalb der Begabtenförderung als auch den verschiedenen internen und externen Beratungsmöglichkeiten für Lehrpersonen.

Beratungsanlässe

Die Beratung für Schüler:innen oder Eltern durch Lehrpersonen ist an Schulen häufig über Beratungskonzepte und/oder verantwortliche Positionen systematisiert oder zumindest koordiniert – dahingegen gibt es in einzelnen Schulen keine institutionalisierte Beratungskultur für Lehrpersonen selbst 1. Der Umgang mit pädagogischen Aufgaben im Spannungsgefüge häufig knapper zeitlicher und/oder personeller Ressourcen und dabei individuell zu berücksichtigenden Lern- und Entwicklungsprozessen von Schüler:innen – in Verbindung mit dem eigenen pädagogischen Anspruch – stellt Lehrer:innen kontinuierlich vor persönliche und professionelle Herausforderungen.

Daher ist es umso wichtiger, Lehrpersonen dabei zu unterstützen, sich von einem etwaigen Anspruch der/des Allwissenden zu befreien und sich bewusst zu machen, dass zur Professionalität der Rolle einer Lehrperson ebenso das Ratsuchen und die fachliche Weiterbildung dazugehören. Dabei spielt auch die Zusammenarbeit unter Kolleg:innen eine sehr wertvolle Rolle. Der gemeinsame Austausch oder die gemeinsame Unterrichtsvorbereitung beinhalten häufig auch beraterische Funktionen 2. Nicht selten sind kleinere Zwischengespräche, so genannte Tür-und-Angel-Gespräche auch Gelegenheiten, in denen ein Beratungsthema präsent wird, zu dem man sich weitere Informationen einholen möchte.

Im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung können dies folgende Beratungsanlässe /  Fragestellungen sein:

  • Woran erkenne ich, ob ein/e Schüler:in besonders begabt oder hochbegabt ist?
  • Wie gehe ich mit Unterforderung von Schüler:innen im Unterricht um?
  • Wie binde ich die/den Schüler:in am besten in die Gestaltung der Förderung mit ein?
  • Wie gelingt eine gute Begabtenförderung im Klassenverband ohne die begabten Schüler:innen auszugrenzen?
  • Welche inner- und außerschulischen Fördermöglichkeiten aus den Bereichen Akzeleration und Enrichment sind für meine/n Schüler:in passend?
  • Welche Angebote haben wir bereits an der Schule?
  • Ich habe das Gefühl, ich kann meiner Schülerin/meinem Schüler in Mathematik keine Herausforderungen mehr anbieten – wo kann ich mir Rat und Unterstützung holen?
  • Wie begegne ich einer möglichen Diskrepanz zwischen dem Ergebnis einer Diagnostik und dem Verhalten im Unterricht?
  • Wo finde ich hilfreiches, weiterführendes Material oder Literatur?
  • Welche Beratungsstellen kann ich den Eltern empfehlen?
  • Wer könnte mich bei einem Beratungsgespräch mit der/dem Schüler:in und den Eltern unterstützen?

Dieser kleine Ausschnitt möglicher Beratungsbedarfe von Lehrpersonen zeigt, wie groß das Spektrum sein kann. Innerhalb dieser einzelnen Fragestellungen stecken Dimensionen von möglichen Fragekategorien und Ausprägungen der thematischen Schwerpunkte. Grob clustern lassen sich die Fragen nach

  • pädagogisch-fachlichen Angelegenheiten,
  • professionellen Haltungsfragen,
  • Schulentwicklungsthematiken,
  • Zusammenarbeitsaspekten und
  • persönlichen – häufig auch gesundheitlichen – Anliegen.

Diese Auflistung hat weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch braucht jede Lehrperson vertiefende Beratung in all diesen Fragen. Häufig hängen aber viele Aspekte der jeweiligen Themen zusammen, wie etwa Fragen zur persönlichen (professionellen) Haltung und zur dazu passenden Schulkultur oder der pädagogischen Ausrichtung der Institution. Ein systemischer Beratungsansatz, der Themen miteinander verknüpft und nicht bloß Maßnahmen vorschlägt, sondern gemeinsam mit den Ratsuchenden lösungsorientiert auf die Suche geht, ist daher wünschenswert und häufig die nachhaltigste Form der Beratung.

Wo können Lehrpersonen zu ihren verschiedenen Anliegen Rat und Unterstützung erfahren?

Im Folgenden werden verschiedene Anlaufstellen aufgeführt:

Beratungsangebote innerhalb der Schule

Die Beratungsangebote, die Lehrpersonen zum Thema der Begabtenförderung an der einzelnen Schule zur Verfügung stehen, variieren nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern sogar innerhalb der Länder von einer Region oder einer Nachbarschule zur anderen. Daher ist es nicht möglich, ein detailliert vollständiges Bild wiederzugeben. Stattdessen werden die strukturell möglichen Beratungsangebote nachfolgend aufgeführt. Sie bieten die Möglichkeit an der eigenen Schule, im eigenen Bundesland nachzufragen, welche davon vor Ort vorhanden sind und genutzt werden können.

Die Beratungslehrkraft

In einigen Bundesländern ist an jeder Schule eine Beratungskraft tätig. Ihr Tätigkeitsbereich umfasst allerdings das große Spektrum der gesamten Beratung, besonders auch die Beratung einzelner Schüler:innen oder Eltern. Für allgemeine Anliegen im Feld der Beratung ist sie auch für Lehrpersonen zuständig, jedoch nicht unbedingt für fachspezifische Fragen wie beispielsweise der Begabungsförderung. Dazu gibt es in vielen Bundesländern und Schulen speziell qualifizierte Kolleg:innen.

Lehrpersonen mit einer Zusatzqualifikation im Bereich der Begabungsförderung

In den einzelnen Bundesländern gibt es verschiedene Qualifizierungsangebote für Lehrpersonen zum Thema Begabungsförderung. Beispielweise gibt es in Hamburg an jeder allgemeinbildenden Schule mindestens eine in der Begabtenförderung spezialisierten Lehrkraft 3. Zu ihrem Aufgabengebiet zählen neben der Gestaltung und Umsetzung verschiedener Maßnahmen auch die Beratung von (hoch-)begabten Schüler:innen, Eltern und Kolleg:innen. Des Weiteren wurden in mehreren Bundesländern, beispielsweise Bayern, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen oder Schleswig-Holstein, um nur einzelne Beispiele aufzuführen, so genannte Kompetenzzentren oder Stützpunktschulen ausgebildet. An diesen Schulen gibt es Projektteams, deren Mitglieder sowohl für die eigenen Kolleg:innen als auch externe Kolleg:innen beratend zur Seite stehen.

Externe Beratungsangebote im System Schule

Die externen Beratungsangebote für Lehrpersonen unterteilen sich in Beratungsangebote, die zwar außerhalb der eigenen Schule liegen, jedoch zum System Schule dazugehören und systematisch verankert sind und wiederum denen, die aus dem direkten System Schule ausgelagert sind.

Landesinstitute/Beratungsstellen

Flächendeckend gibt es in allen Bundesländern Landesinstitute, die eine eigene Beratungsstruktur für Lehrpersonen anbieten. Je nach Bundesland sind diese mit einer eigenen Beratungsstelle verknüpft.

Die Angebote der Beratungsstellen umfassen neben der Einzelfallberatung auch Fragen zur Schulentwicklung, zur Implementierung der Begabtenförderung, zur Vernetzung und überregionalen Förderangeboten. Auch die Säule der Fortbildung und Weiterbildung einzelner Lehrpersonen ist hier verortet 3.

Zusätzlich zu diesen fachspezifischen Beratungsstellen gibt es auch allgemeine Beratungsstellen, wie zum Beispiel in Berlin die SiBUZ (Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentren) oder in Hamburg die ReBBZ (Regionale Bildungs- und Beratungszentren).

Kompetenzzentren / Stützpunktschulen

In mehreren Bundesländern gibt es wie oben schon erwähnt sogenannte Kompetenzzentren/Stützpunktschulen für die Begabtenförderung. Dazu wurden und werden Schulen, mithilfe passender Fortbildungsangebote und -projekte zu regionalen Kompetenzzentren ausgebaut, die wiederum andere Schulen bei der Entwicklung entsprechender pädagogischer Ausrichtungen beraten und beim Ausbau von geeigneten Fördermaßnahmen unterstützen 4,  5,  6. Diese Schulen haben innerhalb ihrer Ausbildung teilweise auch individuelle Beratungsschwerpunkte entwickelt, so dass sie insgesamt viele verschiedenen Facetten von Beratungsanliegen innerhalb eines Bundeslandes oder einer Region abdecken.

Schulpsycholog:innen

Auch haben bundesweit alle Schüler:innen, Eltern, aber auch Lehrpersonen die Möglichkeit, die Leistungen des schulpsychologischen Dienstes bzw. schulpsychologischer Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen. Die dort ansässigen Schulpsycholog:innen (siehe dazu auch: Schulpsychologische Beratung im Thema Hochbegabung) unterstützen bei unterschiedlichsten Anliegen, sowohl bei akuten Krisen als auch bei langfristigeren Schulentwicklungsthemen und agieren mal in Beratungsstellen und mal in den Schulen selbst – je nach Bedarf. In manchen Bundesländern arbeiten Schulpsycholog:innen eng mit Schulen zusammen und beraten zur Diagnostik oder Förderung (hoch-)begabter Kinder und Jugendlicher, z.B. im Saarland oder in Nordrhein-Westfalen.

Externe Beratungsstelle außerhalb des System Schule

Beratungsangebote von Elternvereinen

Die DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind) bietet eine Beratung für Lehrpersonen an. Sie unterstützen dabei beispielsweise mit Vorschlägen zur Differenzierung, Ideen zur Förderung hochbegabter Kinder bzw. Jugendlicher oder mit Material- und Literaturlisten 7.

Regionale Beratungs- oder Coachingangebote

Weitere individuelle Beratungen werden beispielsweise auch von unabhängigen Dienstleistern angeboten. Hier gibt es eine große regionale Vielfalt. Diese kommerziellen Angebote sind allerdings kostenpflichtig und es gibt keine Qualitätssicherung, da keine Standards vorherrschen.

Der Weg zum passenden Angebot

Wie komme ich als suchende Lehrperson nun an das passende Angebot? Der erste Schritt sollte idealerweise der Austausch im Kollegium sein. Vielleicht gibt es bereits positive Erfahrungen oder gute Kontakte zur nächsten passenden Beratungsstelle oder eine:r Schulpsycholog:in? Vielleicht gibt es mehrere Ratsuchende, sodass sich eine Fortbildung zum Thema Begabungsförderung als passend herausstellt? Im Idealfall gibt es in der Schule bzw. in den der jeweiligen Schule übergeordneten Stellen ausreichende Informationen zu den entsprechenden regionalen Angeboten und Kooperationspartner:innen. Sollte dies nicht der Fall sein, ist die eigene Recherche ein guter Anstoß, diese Informationslücke zu schließen und erste Kontaktadressen innerhalb des Themas Begabungsförderung zentral in der eigenen Schule zu hinterlegen. Das Fachportal der Karg-Stiftung hält beispielsweise eine unabhängige Beratungsstellendatenbank bereit (hier klicken: Beratungsstellen). Hier lassen sich gezielt Informationen zu spezialisierten, professionellen Beratungsangeboten abrufen.

Stößt man innerhalb des Kollegiums auf weitere interessierte oder bereits erfahrene Stimmen, so ist es hilfreich, sich zusammenzuschließen und gemeinsam der Thematik „Begabungsförderung“ zu widmen, um dann entsprechende Informationen auch dem Kollegium zur Verfügung zu stellen.