Hochbegabung verstehen

Schule

Pädagogische Diagnostik in der Schule

Diagnostik? Ist dafür nicht die Arztpraxis da? Ja – aber längst nicht nur. Denn ähnlich wie Ärztinnen und Ärzte darauf angewiesen sind, mit passenden Untersuchungen und Beobachtungen herauszufinden, was ihre Patient:innen brauchen, benötigen auch Lehrkräfte diagnostische Instrumente, um die Bedarfe ihrer Schüler:innen zu erkennen. Unterschiede gibt es allerdings schon: Pädagogische Fachkräfte forschen nicht nach Krankheiten oder Defiziten, sondern idealerweise nach Potenzialen und Unterstützungsmöglichkeiten. Außerdem haben sie den großen Vorteil, dass sie ihre Schüler:innen nicht nur punktuell sehen, sondern in der Regel über einen längeren Zeitraum begleiten können. So haben sie die Chance, die Kinder und Jugendlichen durch den systematischen Einsatz von Beobachtungen, Beurteilungen und Feedback langfristig zu unterstützen.

Der folgende Artikel konzentriert sich auf die Fragen, woran sich insbesondere begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche erkennen lassen, wie der eigene Blick dafür geschärft wird und wie ein schulisches Konzept der Pädagogischen Diagnostik aussehen kann.

Von: Nicole Miceli, Andrea Fiebeler und Claudia Pauly


Bild: istock/SeventyFour

Besonders begabte oder hochbegabte Kinder sind im schulischen Kontext nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, denn sie fallen nicht zwingend durch besonders gute Leistungen auf. Manchmal besteht auch eine gewisse Diskrepanz zwischen verschiedenen Entwicklungsfeldern. So kann beispielsweise ein (hoch-)begabtes Kind bereits überdurchschnittlich gut mathematische Gleichungen lösen, jedoch hinsichtlich seiner motorischen Fähigkeiten weniger gut entwickelt sein, was zu Problemen bei der Verschriftlichung der Lösungen führt. Für das Erkennen von begabten Schüler:innen ist deshalb eine offene Haltung der Lehrperson gegenüber den individuellen Besonderheiten der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Voraussetzung 1. Darüber hinaus ist der Einsatz der Pädagogischen Diagnostik eine gute Möglichkeit, die Begabungen einzelner Schüler:innen zu erkennen und auf dieser Grundlage entsprechende Fördermaßnahmen zu entwickeln.

Was ist Pädagogische Diagnostik?

Die Pädagogische Diagnostik umfasst nach Behrensen/Solzbacher alle Tätigkeiten, „die zum Zwecke einer nachvollziehbaren Begründung pädagogischer Entscheidungen für Lernende getroffen werden“ 2. Hierzu gehören im schulischen Bereich beispielsweise die Beobachtung und Beratung von Lernprozessen, Leistungsbeurteilungen, Befragungen und Feedbackgespräche sowie Gespräche mit Kolleg:innen, Eltern und anderen Bezugspersonen der Schüler:innen. Dabei stehen im Gegensatz zur selektiven Diagnostik, in der es in der Regel um Lernergebnisse (Tests und Leistungen) geht, die Lernprozesse der Schüler:innen im Vordergrund 3 4. Der Fokus wird dabei auf die Aspekte gelegt, die einen Veränderungs- und Entwicklungsprozess ermöglichen 5. In einem zirkulären und dialogischen Prozess werden im Rahmen der Pädagogischen Diagnostik systematisch Informationen gesammelt, aufbereitet und gemeinsam mit der Schülerin/dem Schüler sowie ggf. weiteren Beteiligten ausgewertet. Dadurch besteht die Chance, die einzelne Schülerin/den einzelnen Schüler mit ihren/seinen Begabungen und Potenzialen besser zu erkennen und Lernangebote an die Bedürfnisse und das Lernniveau individuell anzupassen 6 7.

Beobachtung als wichtiger Bestandteil Pädagogischer Diagnostik

Im ersten Moment scheint eine Pädagogische Diagnostik sehr aufwendig zu sein. Ein wichtiger Bestandteil einer solchen Diagnostik ist jedoch das Beobachten, das alle Lehrkräfte in ihrem Arbeitsalltag im Rahmen des Unterrichtens machen. Oft passiert die Beobachtung dabei unbewusst und nicht immer systematisch. Der Fokus liegt dabei meist auf Fragen wie „Wer hat die Arbeitsphase schon beendet?“, „Kann Max die binomische Formel richtig auflösen?“, „Ist der Versuchsaufbau von Lisa und Jan richtig dokumentiert?“ usw. Diese alltäglichen Beobachtungen kann man sich im Rahmen einer Pädagogischen Diagnostik zunutze machen.

Der Unterschied ist dabei jedoch, dass Beobachtungen im Rahmen einer Pädagogischen Diagnostik strukturierter und fokussierter erfolgen, um Begabungen besser erkennen zu können 8. Hierfür ist es sinnvoll, sich im Vorfeld einige Fragen zu stellen:

  • Gibt es einen bestimmten Anlass oder eine genaue Fragestellung für die systematische Beobachtung?
  • Welche Schülerin/welcher Schüler oder welche Gruppe soll systematisch(er) beobachtet werden?
  • Soll ein genauer Aspekt beobachtet werden (z. B. das Lernverhalten, das Arbeitsverhalten, die Ausführung von Versuchen, das Sozialverhalten, die Ausdrucksfähigkeit, die Transferleistungen etc.) oder die Schülerin/der Schüler allgemein?
  • In welchem Unterrichtssetting soll die Schülerin/der Schüler beobachtet werden (z. B. während einer Einzelarbeit, einer Gruppenarbeitsphase, bei der Projektarbeit, bei der freien Arbeit, im Frontalunterricht etc.)?
  • In welchem Zeitraum soll die Beobachtung durchgeführt werden?

Mithilfe der oben genannten Fragen kann man einen Beobachtungsbogen entwickeln und an die jeweilige Situation anpassen. Darüber hinaus kann es hilfreich sein, sich zusätzlich zu den eher übergeordneten Fragen einzelne Beobachtungskategorien zu überlegen, die die Beobachtungen strukturieren und das Erkennen von Begabungen erleichtern. Dabei sollte bedacht werden, dass ein Beobachtungsinstrument immer auch den Fokus dessen, was beobachtet wird, reduziert 9. Grundsätzlich gilt, dass es keine vollständige Liste zum Ankreuzen gibt, mit denen begabte Kinder zuverlässig erkannt werden können 10. Es gibt jedoch Merkmale bei der Beobachtung von Lern- und Denkprozessen sowie fachspezifische Indikatoren, die Hinweise auf eine hohe Begabung der Schülerin/des Schülers liefern können. Darüber hinaus gibt es in der Fachliteratur einige Beobachtungsbögen, die den Fokus der Beobachtung auf die Potenziale der Schüler:innen legen und sich somit für das Erkennen von Begabungen besonders eignen 11.

Wichtig!

Grundsätzlich ist es sinnvoll, alle Kinder oder Jugendlichen einer Klasse regelmäßig und strukturiert hinsichtlich ihrer Begabungen zu beobachten. Im Alltag scheitert dieses Vorhaben oft an der Zeit.

Eine Pädagogische Diagnostik ist jedoch mindestens dann angezeigt, wenn bei einer Schülerin oder einem Schüler eine hohe Begabung vermutet wird oder sie/er im Unterricht Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Ein besonderes Augenmerk sollte jedoch auch auf die Schüler:innen gelegt werden, die nur in einzelnen Situationen durch komplexes Denken und hohe Transferleistungen auffallen. Denn insbesondere Mädchen verbergen häufig ihre Begabungen und zeigen eine große soziale Angepasstheit, um nicht aus dem Klassengefüge herauszustechen.

Herausforderungen bei der Beobachtung

Beobachtete Verhaltensweisen oder Interaktionen werden von unterschiedlichen Beobachter:innen unterschiedlich wahrgenommen, beschrieben, interpretiert oder bewertet. Auch strukturierte Beobachtungen sind daher zu einem gewissen Anteil subjektiv. Hinzu kommt, dass Beobachtungen immer an die jeweiligen Rahmenbedingungen gebunden und situationsabhängig sind: Ist es laut oder leise im Klassenzimmer? Stört eine Baustelle vor der Schule das Unterrichtsgeschehen? Steht in der nächsten Stunde eine Klassenarbeit an? Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass das gezeigte Lern- und Leistungsverhalten der Schüler:innen immer an die jeweiligen Unterrichtsinhalte und -formen gebunden ist. Ist das Unterrichtssetting so, dass die Schülerin oder der Schüler bestimmte Verhaltensweisen und Begabungen überhaupt zeigen kann? 12.

ZitatZitat

Herausforderungen bei der Beobachtung lassen sich nicht komplett vermeiden. Wichtig ist daher, sich dieser bewusst zu sein und das eigene Beobachtungs- und Beurteilungsverhalten regelmäßig zu reflektieren.

ZitatZitat

Neben den allgemeinen Herausforderungen bei Beobachtungen können diese auch verschiedenen Beobachtungsverzerrungen und Beurteilungsfehlern unterliegen. Hierzu gehören u. a. Kontrastfehler, die ungeprüfte Übernahme von Vor- und/oder Zusatzinformationen, der Halo-Effekt, logische Fehler, der Pygmalion-Effekt, Stereotype und die Tendenz zur Mitte (mehr dazu im Artikel „Beobachtungs- und Beurteilungsfehler“).

Einordnung und Auswertung der Ergebnisse

Herausforderungen bei der Beobachtung lassen sich nicht komplett vermeiden. Wichtig ist daher, sich dieser bewusst zu sein und das eigene Beobachtungs- und Beurteilungsverhalten regelmäßig zu reflektieren. Darüber hinaus ist es notwendig, weitere Informationsquellen heranzuziehen, um Begabungen erkennen zu können. Denn es geht bei Kindern und Jugendlichen vor allem darum, mit einem offenen Blick alle Potenziale zu entdecken und nicht nur einzelne spezifische Fähigkeiten. Hierfür ist es notwendig, einen breitgefächerten Fokus zu haben 13.

Der Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen, die die Schülerin oder den Schüler ebenfalls unterrichten, ist ein wichtiger Bestandteil für das Erkennen von Begabungen. Idealerweise gibt es im Kollegium ein gemeinsames Konzept und gemeinsame Beobachtungsbögen. Neben den eigenen Beobachtungen sind zum Beispiel auch Klassenarbeiten, Präsentationen, mündliche (Diskussions-)Beiträge, Portfolios oder Lernwegebücher weitere Informationsquellen der Pädagogischen Diagnostik 14.

Darüber hinaus ist der Dialog mit dem jeweiligen Kind oder Jugendlichen selbst sowie den Eltern notwendig. Als Grundlage für diese Gespräche bieten sich neben dem Feedback beispielsweise Interessensfragebögen, die die Schüler:innen ausfüllen können, sowie Fragebögen für die Eltern an.

Nach einer Beobachtung und/oder dem Einbezug weiterer Informationsquellen ist die Auswertung der Ergebnisse ein wichtiger Schritt. Hier lohnt es sich, genau hinzuschauen und nicht zu schnell die Ergebnisse als die Bestätigung einer vorher gefassten Hypothese anzusehen. Für die Auswertung können dabei folgende mögliche Leitfragen (nach Paradies/Linser/Greving 15) herangezogen werden:

  • Was sind die wichtigsten Dinge, die in den Beobachtungen und Gesprächen sowie anderen Informationsquellen zum Ausdruck kommen?
  • Was war überraschend an den Ergebnissen?
  • Welche neuen Fragen/Sichtweisen/Annahmen/Ideen werden durch die Ergebnisse nahegelegt?

Die Erkenntnisse und Ergebnisse sollten im Anschluss wiederum gemeinsam mit der Schülerin/dem Schüler und ggf. auch mit weiteren Akteur:innen im Rahmen eines runden Tisches besprochen werden. Im Gespräch mit Schüler:innen, Kolleg:innen und Eltern können die Beobachtungen dargestellt, abgeglichen, besprochen und gemeinsam interpretiert werden 16. Dabei wird dann auch überlegt, welche weiteren Schritte nun sinnvoll erscheinen und welche Handlungskonsequenzen sich ergeben 17 18:

  • Welche Maßnahmen können eingeleitet werden, um die Schülerin/den Schüler begabungsgerecht zu fördern?
  • Ist eine weitere (psychologische) Diagnostik notwendig? Wie können die Stärken berücksichtigt und genutzt werden? Wie kann an Schwächen gearbeitet werden? Und wie kann beides sinnvoll miteinander verknüpft werden?

Wann ist eine psychologische Diagnostik sinnvoll?

Die Pädagogische Diagnostik kann im schulischen Kontext bereits viele Aufschlüsse über die Begabungen einer Schülerin oder eines Schülers geben. Es kann unter bestimmten Umständen jedoch sinnvoll sein, die Pädagogische Diagnostik durch eine psychologische Diagnostik zu ergänzen. Beispielsweise, wenn sich im Rahmen der Pädagogischen Diagnostik kein klares Bild von den Begabungen und Potenzialen einer Schülerin/eines Schülers ergibt und eine weitere Informationsquelle benötigt wird. Häufig wird mit der psychologischen Diagnostik nur eine Intelligenztestung in Verbindung gebracht. Sie geht jedoch in der Regel darüber hinaus und bezieht auch Persönlichkeitsaspekte mit ein. Anlass können zum Beispiel eine vermutete Unter- oder Überforderungssituationen sein, psychosomatische Beschwerden oder die Frage, ob zusätzlich zur oder statt einer Hochbegabung z. B. ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung vorliegt. Die psychologische Diagnostik ermöglicht es dann, eine Einschätzung sowohl des kognitiven Potenzials als auch der gesamten Entwicklung und Persönlichkeit des Schülers/der Schülerin zu gewinnen.

Idealerweise kann sich die Lehrperson bei einer vermuteten besonderen Begabung des Kindes oder Jugendlichen an die Eltern wenden und mit ihnen gemeinsam beraten, ob und wenn ja mit welchem Ziel, eine Testung vorgenommen werden sollte. Die Testung selbst kann nur durch eine dafür ausgebildete Person vorgenommen werden. Auf Grundlage der Testergebnisse kann gemeinsam überlegt werden, welche weiteren Fördermaßnahmen ergriffen werden können 19. Darüber hinaus können sich Lehrpersonen mit ihrem Beratungsbedarf auch selbst an Beratungsstellen oder die Schulpsychologie wenden.

Liegt bereits das Ergebnis eines Intelligenztestes vor, ist es ebenso wichtig und sinnvoll, dieses in die Pädagogische Diagnostik einzubeziehen. Die Intelligenzentwicklung eines Menschen ist nicht stabil, sondern veränderlich. Liegt ein IQ-Test also schon länger zurück, kann es sinnvoll sein, eine Intelligenztestung zu wiederholen, um sie mit der aktuellen Pädagogischen Diagnostik in Bezug setzen zu können.

Zusammenfassend lässt sich festhalten

  • Begabungen zeigen sich nicht immer in schulischen Leistungen. Sie müssen „entdeckt“ werden.
  • Pädagogische Diagnostik ist ein dialogischer Prozess, in den die eigenen Beobachtungen sowie die der Kolleg:innen, der Schülerin/des Schüler, der Eltern und anderer Bezugspersonen einbezogen werden.
  • Beobachtungen werden subjektiv verarbeitet und können Beobachtungsverzerrungen unterliegen. Eine Reflexion und der Austausch mit Kolleg:innen sind daher wichtig.
  • Checklisten und Beobachtungsbögen können helfen, die Pädagogische Diagnostik zu strukturieren. Sie sind jedoch nicht alleine aussagekräftig.
  • Eine psychologische Diagnostik ist bei einigen Anlässen eine sehr hilfreiche Ergänzung zur Pädagogischen Diagnostik. Sie ist der einzige Weg, eine annähernd konkrete Einschätzung des Intelligenzpotenzials eines Menschen zu erhalten.

Dieser Artikel basiert auf:
Miceli, N.; Fiebeler, A. (2020): Schulische Begabtenförderung – Potenziale erkennen und fördern. Themenheft der Publikationsreihe „Lernen verstehen – Kompetenzen stärken“. Stuttgart: Raabe Verlag.